Im Vorfeld der nächsten Fed-Sitzung im Juni richtet sich der Fokus der Märkte zunehmend auf den neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh. Viele Marktteilnehmer hatten zunächst erwartet, dass mit ihm ein deutlich expansiverer geldpolitischer Kurs Einzug halten würde – nicht zuletzt aufgrund der offenen Forderungen von Donald Trump nach raschen und aggressiven Zinssenkungen. Tatsächlich zeigte sich Warsh in der Vergangenheit grundsätzlich offen für niedrigere Zinsen und verwies unter anderem auf produktivitätssteigernde, disinflationäre Effekte durch Künstliche Intelligenz sowie auf die Möglichkeit, über eine kleinere Fed-Bilanz Spielraum für niedrigere Leitzinsen zu schaffen.
Die Entwicklung an den Geldmärkten signalisiert derzeit jedoch das Gegenteil: Während vor wenigen Wochen noch zwei Zinssenkungen innerhalb der kommenden zwölf Monate eingepreist waren, reduzierte sich diese Erwartung zunächst auf eine und verschwand zuletzt vollständig. Mittlerweile wird sogar die Möglichkeit einer Zinserhöhung unter Warsh diskutiert. Damit setzt sich zunehmend das Szenario durch, das wir bei Vates Invest bereits seit längerer Zeit vertreten: Die Inflation dürfte struktureller Natur sein und nicht nur eine temporäre Erscheinung des Inflationserhöhungszyklus 2022 bleiben. Vielmehr spricht vieles dafür, dass sich die aktuelle Dekade durch mehrere Inflationswellen auszeichnen wird und dass sich derzeit bereits die nächste Inflationsphase herausbildet.
Zusätzlichen Auftrieb erhält dieses Risiko durch geopolitische Entwicklungen, insbesondere den Nahostkonflikt und die damit verbundenen steigenden Energiepreise. Parallel dazu haben die fünfjährigen Inflationserwartungen zuletzt ein neues zyklisches Hoch markiert. Auch innerhalb der Fed mehren sich deshalb die restriktiveren Töne, während der Markt beginnt, die Vorstellung baldiger Leitzinssenkungen als Fehleinschätzung zu korrigieren.
Entscheidend ist zudem, dass der Fed-Vorsitzende geldpolitische Entscheidungen nicht allein bestimmt. Im Offenmarktausschuss verfügt auch Warsh lediglich über eine Stimme. Angesichts zunehmender Meinungsunterschiede innerhalb des FOMC und eines zuletzt deutlich restriktiveren Abstimmungsbildes erscheint es durchaus möglich, dass sich selbst gegen einen grundsätzlich zinssenkungsfreundlichen Vorsitzenden eine Mehrheit für einen strafferen Kurs formiert. Die Geldmärkte beginnen genau dieses Risiko einzupreisen.
Vor diesem Hintergrund halten wir es für wahrscheinlich, dass der Zinsdruck in den USA mittelfristig eher nach oben als nach unten gerichtet bleibt. Sollte sich der aktuelle Inflationsimpuls weiter verstärken, dürfte es kaum bei einer einzelnen Zinserhöhung bleiben. Entsprechend könnte den Geldmärkten in den kommenden Quartalen ein weiteres geldpolitisches Repricing bevorstehen.
































