Wirtschaft

Coronavirus mit Auswirkungen – Anleihen jedoch weniger betroffen als Aktien

Das sich von China aus verbreitende Coronavirus hat die Märkte getroffen – und die Aussichten für das globale Wachstum getrübt

Andrew_Jackson, Federated Hermes

Andrew Jackson, Leiter des Bereichs Fixed Income international von Federated Hermes, ist der Ansicht, dass die Epidemie wahrscheinlich branchenübergreifende Auswirkungen haben wird – die Märkte für Unternehmensanleihen jedoch weitgehend von den kurzfristigen Auswirkungen abgeschirmt sind. Dies beweist Widerstandsfähigkeit der Anlageklasse und steigert zugleich die Attraktivität für aktive Anleger, die Verwerfungen gezielt nutzen möchten.

Zu Beginn dieses Jahres schienen sich die globalen makroökonomischen Aussichten verbessert zu haben. Die Wachstumskurve schien über die Talsohle hinweg, da die Lockerung der Geldpolitik und die Handelsvereinbarung der ersten Phase zwischen den USA und China die Märkte entlastete. Doch der Ausbruch des Coronavirus hat die Aussichten nun getrübt.

Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte niedriger

Während sich das Virus über China hinaus ausgebreitet hat, wird das bevölkerungsreichste Land der Welt die Hauptlast der Auswirkungen tragen. Es wird erwartet, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen wird als unter normalen Umständen. Und es ist wahrscheinlich, dass die Produktion im ersten Quartal deutlich schrumpfen wird.

Während Experten annehmen, dass die Epidemie in sechs bis acht Wochen erfolgreich eingedämmt werden kann, wissen wir zugleich sehr wenig über die wahrscheinliche Dauer und Schwere des Virus. Es werden Vergleiche zum Ausbruch des schweren akuten respiratorischen Syndroms (SARS) im Jahr 2003 gezogen. SARS gibt einen Anhaltspunkt, wie sich globale Epidemien auf das Wachstum auswirken können, wobei es zunächst zu einem Einbruch der Wirtschaft kommt, gefolgt von einer „v-förmigen“ Wiederbelebung der Konjunktur.

Weit größere globale Auswirkung

Aber dieser Vergleich stößt schnell an seine Grenzen, vor allem weil das Coronavirus wahrscheinlich eine weitaus globalere Auswirkung haben wird als SARS. Der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft beträgt heute 16 Prozent, verglichen mit vier Prozent im Jahr 2003. Das globale Wachstum ist – obschon auf dem Weg der Verbesserung – immer noch schleppend und anfällig für externe Schocks.

Vieles hängt von der Reaktion Pekings auf die Epidemie ab. Die Regierung dürfte die Wirtschaft erheblich ankurbeln. Die chinesischen Banken könnten aufgefordert werden, Kredite zu verlängern beziehungsweise deren Vergabe zu intensivieren und die Zinssätze zu senken, um die in Schwierigkeiten geratenen kleinen und mittleren Unternehmen am Leben zu erhalten.

Auf lange Sicht bestehen längerfristige und potenziell größere Risiken für die globalen Wirtschaftsaussichten, einschließlich Protektionismus und Klimawandel. Während das Coronavirus für Gegenwind sorgt, sind die Gesamtauswirkungen auf das globale BIP – eine Verringerung um 0,1–0,2 Prozentpunkte – zwar spürbar, aber auf lange Sicht überschaubar.

Anleihen im Vorteil gegenüber Aktien

Während das globale Wachstum einen Rückschlag erleiden könnte, werden Unternehmensanleihen die Turbulenzen wahrscheinlich zunächst besser überstehen als Aktien. Nichtsdestoweniger wird sich das Virus in naher Zukunft auf verschiedene Branchen auswirken. Im Folgenden die Einschätzungen unserer Kreditanalysten, wie die Epidemie eine Reihe von Sektoren beeinflussen wird.

Energie: Weniger Preisrückgänge durch OPEC-Handlungsbereitschaft

Die Ölpreise fielen im Januar um 15 Prozent als Reaktion auf die Besorgnis über eine Verlangsamung der Nachfrage des weltgrößten Rohölimporteurs. Chinas Ölnachfrage ist um 20 Prozent beziehungsweise drei Millionen Barrel pro Tag gesunken, was drei Prozent des weltweiten Verbrauchs entspricht. Angesichts der Tatsache, dass die Wirtschaftstätigkeit und die Reiseaktivitäten in China zum Stillstand gekommen sind, ist es nicht abwegig, anzunehmen, dass der vorübergehende Nachfragerückgang sogar noch größer ist.

Die Auswirkungen werden durch die Handlungsbereitschaft der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) etwas abgemildert. Die OPEC erwägt eine kollektive Kürzung der Produktion um 500.000 Barrel pro Tag oder eine vorübergehende Kürzung um eine Million Barrel pro Tag, bis die Krise vorbei ist. Beruhigend ist auch, dass die meisten unserer Positionen mit Öl-Exposure 45 bis 50 Prozent ihrer Ölproduktion für 2020 abgesichert haben, wobei die Absicherungspreise derzeit über dem Wert des Öls liegen. Darüber hinaus ist die erhöhte Volatilität bei Öl in den letzten fünf Jahren zu einer Normalität des Geschäfts geworden.

Die meisten Ölproduzenten in unserem Portfolio sind kostengünstige Produzenten mit langfristigen strategischen Zielen zur Verringerung des Verschuldungsgrades und zur Verbesserung der Generierung von freiem Cashflow, was bei jeder Art von Turbulenzen Unterstützung bieten sollte.

Industriemetalle: Staatliche Förderung dürfte niedrigere Preise ausgleichen

Auf China entfallen über 50 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Industriemetallen. Das bedeutet, dass die Auswirkungen des Virus schwerwiegend sind, insbesondere bei Kupfer und Eisenerz, wo China ein Nettoimporteur ist. Der Preis beider Metalle sank im Januar um etwa zehn Prozent.

Bei der Zugrundelegung von SARS als Indikator für die potenziellen Auswirkungen auf die Märkte sollte bedacht werden, dass China 2003 einen geringeren Anteil an der Gesamtnachfrage nach Metall hatte. Diesmal könnten die Auswirkungen der Epidemie viel größer sein.

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass China die Wirtschaft durch Anreize unterstützt, die in der Regel den Metallverbrauch fördern. Während die kurzfristigen Aussichten negativ sind, sehen wir die Möglichkeit einer deutlichen Erholung, sobald das Virus eingedämmt ist.

Wir schätzen die längerfristigen Fundamentaldaten des Sektors positiv ein, haben im Rahmen unserer flexiblen Strategien aber auch eine Reihe defensiver Geschäfte getätigt, darunter Anlagen in Credit-Default-Swaps ausgewählter Bergbauunternehmen mit Exposure zu Kupfer und Eisenerz. Das sollte uns helfen, einer weiteren Abschwächung in diesen Branchen standzuhalten.

Automobilbranche: Epidemie verschlechtert Aussichten für geschwächten Sektor

China ist der größte Automarkt der Welt – und Wuhan gilt als viertgrößter Produzent des Landes als eine der chinesischen „Autostädte“. Obwohl Januar und Februar normalerweise ruhige Monate für die chinesische Automobilindustrie sind, werden sich die Produktionsstopps erheblich auf die Produktion in diesem Jahr auswirken.

Bereits zuvor wurde erwartet, dass 2020 ein schwaches Jahr für die Industrie sein würde, angesichts einer Fortsetzung der Verlangsamung von 2019 und sehr geringen Chancen auf eine Erholung. Die Epidemie verstärkt lediglich unsere negative Einschätzung der Automobilindustrie. Wir haben defensive Positionen in einigen Unternehmen eingenommen, während wir bei robusteren Firmen, die unserer Meinung nach in der Lage sein sollten, die Turbulenzen gut zu überstehen, positiv bleiben.

Glücksspiel: Reisebeschränkungen werden sich auf die Einnahmen auswirken

Chinesische Touristen machen 80 Prozent der Bruttoeinnahmen aus dem Glücksspielbereich in Macau aus. Somit dürften die Sicherheitsmaßnahmen für Reisen kurzfristig erhebliche Auswirkungen haben.

Außerdem brach das Virus zum chinesischen Neujahrsfest aus – einer Zeit, in der sich die Besuche auf der Halbinsel normalerweise verdoppeln. In diesem Jahr gingen die Besuche um 78 Prozent und der Erlös pro verfügbarem Hotelzimmer um 40 Prozent zurück. Die Regierung von Macau hat nun angekündigt, dass der Kasinobetrieb für zwei Wochen ausgesetzt wird.

Technologie: Fabrikschließungen können Aufträge verzögern und Umsatz beeinträchtigen

Aufgrund der hohen Dichte der Produktionsbetriebe in China stellt die längere Schließung von Fabriken eine Bedrohung für den Technologiesektor dar. Wuhan beheimatet eine Reihe von großen Halbleiterfabriken und ist zudem wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Lieferung dieser Produkte. Daher stellt die Schließung dieser Fabriken eine Bedrohung für den Technologiesektor dar.

Chinesische Halbleiterimporte absorbieren mehr als 50 % des weltweiten Angebots, wobei große ausländische Hersteller zwischen 25 bis 50 Prozent ihrer Umsätze in China erzielen. Produktionsunterbrechungen könnten in naher Zukunft zu Auftragsverzögerungen oder schlimmstenfalls zu Umsatzeinbußen führen.

Auf längere Sicht sind wir weiterhin der Meinung, dass Halbleiter von einer Reihe von strukturellen Treibern profitieren, die intakt bleiben und das Virus überstehen werden.

Telekommunikation: Netzwerk-Upgrades und Produktion in Gefahr

Wie auch im Technologiesektor stellen Fabrikschließungen das größte Risiko für die Telekommunikationsbranche dar. Die Handelsspannungen zwischen den USA und China bedeuten, dass die Unternehmen zusätzliche Flexibilität in ihre Lieferketten eingebaut haben, aber ihre Widerstandsfähigkeit wird von der Schwere und Länge des Virus-Ausbruchs abhängen.

Industrieländer-Betreiber profitieren von einer begrenzten geografischen Abhängigkeit und starken Beziehungen zu ihren europäischen und US-amerikanischen Partnern in der Lieferkette. Das jüngste Verbot der US-Regierung in Bezug auf die Netzwerkinfrastruktur eines großen chinesischen Telekommunikationsunternehmens bedeutet auch, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass es zu Verzögerungen bei der Einführung von 5G-Netzaufrüstungen kommt.

Allerdings sind Firmen aus Schwellenländern noch dabei, 4G-Aufrüstungen durchzuführen und daher stärker von dem großen chinesischen Betreiber abhängig. Obwohl die chinesische Regierung den Herstellern kritischer Ausrüstung die Wiederaufnahme der Produktion erlaubt hat, könnte eine Beschleunigung des Virus zu weiteren Stillständen führen. Dies könnte Unternehmen dazu zwingen, teurere Geräte von außerhalb Chinas zu beziehen – oder das Risiko einer Verzögerung kritischer Netzaufrüstungen mit sich bringen.

Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Betreiber die Produktion von Smartphones verzögern. Allerdings werden die negativen Auswirkungen auf die Ergebnisse wahrscheinlich nur so lange anhalten, bis die Versorgungsprobleme gelöst sind.

Immobilien: Epidemie dürfte Verkaufsziele drücken

Es wird erwartet, dass sich das Coronavirus auf die rückläufigen Verkäufe auf dem chinesischen Immobilienmarkt auswirkt. Wenn die Epidemie unter Kontrolle gebracht wird, könnten die Folgen begrenzt bleiben, da Januar und Februar traditionell Nebensaison sind. Erwähnenswert ist jedoch, dass chinesische Bauträger im letzten Monat einen Rückgang der Verkäufe um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr gemeldet haben. Wir gehen davon aus, so Andrew Jackson, dass für den Immobiliensektor in diesem Jahr konservativere Verkaufsziele gelten und die Investitionsausgaben für den Grundstückserwerb und den Bau angepasst würden, um den Cashflow zu erhalten. Größere chinesische Bauträger mit einem stärkeren Liquiditätsprofil und ausreichenden verkaufsfähigen Ressourcen dürften besser positioniert sein, um längere Belastungen durch das Virus zu überstehen.

(Federated Hermes, Inc.)

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