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Value vs. Growth – Neue Trendwende in Sicht?

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

Tumisu / Pixabay

Seit mehr als einem Jahr folgen die Märkte dem Takt der großen Trends. In den ersten Monaten nach dem starken Rückgang Mitte März 2020 dominierten langfristige Wachstumswerte, allen voran der Technologiesektor. Gleichzeitig sind die Zinssätze auf historische Tiefststände gesunken. Im Spätsommer und Frühherbst war die Lage dann weniger klar. Auch als sich die Zinssätze stabilisierten bzw. wieder zu steigen begannen, bewegten sich die Aktienmärkte abhängig von der Nachrichtenlage an der Gesundheitsfront zwischen „Wiedereröffnung“ und „Lockdown“. Mit der Ankündigung der Entwicklung eines COVID-19-Impfstoffs setzte sich ein neuer Trend durch. Die Aussicht auf die Wiedereröffnung der Weltwirtschaft, die kräftige Erholung im verarbeitenden Gewerbe und die Ankündigung neuer Konjunkturpakete durch Joe Biden lösten eine kräftige Rally bei zyklischen und Value-Titeln sowie einen starken Anstieg der Zinssätze aus. So stieg die Rendite zehnjähriger US-Anleihen von 0,9 % Anfang Dezember auf mehr als 1,7 % Ende März.

Wachstumstitel gewinnen wieder an Boden

Seit Anfang April scheint sich dieser Trend jedoch abzuschwächen bzw. eine Pause einzulegen. Die Renditen langfristiger US-Anleihen sind gesunken und Wachstumswerte gewinnen gegenüber Value-Titeln wieder etwas an Boden. An den Aktienmärkten werden bei einzelnen Indikatoren extreme Niveaus erreicht. Nach fünf Monaten Outperformance liegt die Bewertung zyklischer Titel – insbesondere in Europa – deutlich über ihrem Durchschnitt des letzten Zyklus. Ein Großteil der wichtigsten weltweiten Indizes verzeichnet hohe Bewertungsniveaus, selbst wenn man das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis betrachtet. Die Stimmungsindikatoren erreichen Mehrjahreshochs, ebenso die makroökonomischen Indikatoren. Insbesondere das verarbeitende Gewerbe, das bei mehreren Kennzahlen Rekordhochs erreicht hat, könnte den Höhepunkt in Bezug auf das Tempo der Erholung überschritten haben, da Engpässe in der Wertschöpfungskette allmählich beginnen das Produktionsniveau zu belasten.

Ist dies lediglich eine Pause oder der Auftakt für eine Kehrtwende und den Beginn eines neuen Trends? Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Gesamtwirtschaftlich betrachtet dürften die Probleme in der Produktionskette die Dynamik auf kurze Sicht verlangsamen. Mittelfristig dürften jedoch die schrittweise Wiedereröffnung von Wirtschaftsbereichen, die von der Gesundheitskrise schwer getroffen wurden, die Konjunkturpakete in den USA und Europa und auch der Trend zur Reindustrialisierung in den westlichen Ländern vermutlich eine kräftige wirtschaftliche Expansion mit Inflationstrend befeuern. Demnach sollte der jüngste Rückgang der Zinssätze lediglich eine Pause vor einer weiteren Phase des Anstiegs darstellen.

Qualität bleibt das A und O – sowohl bei zyklischen als auch Wachstumstiteln

An den Märkten geben die erreichten Bewertungsniveaus und die Risikobereitschaft kurzfristig Anlass zur Vorsicht. Auch wenn wir der Auffassung sind, dass zyklische Titel noch Potenzial bieten, wird Qualität nach einer ersten Phase, in der die Differenzierung sehr schwach war, ein maßgebliches Auswahlkriterium sein. Daher könnte der in den vergangenen Monaten vorherrschende Trend infrage gestellt werden. In Anbetracht des Risikos einer Spreadverengung aufgrund von Störungen in der Lieferkette sollte Unternehmen mit soliden Bilanzen, Marktführerschaft und einer angemessenen Preissetzungsmacht sowohl im Value- als auch im Wachstumssegment der Vorzug gegeben werden. Wir halten daher eine weniger starke Spaltung der Märkte in der zweiten Jahreshälfte für wahrscheinlich.

(LFDE)

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