Investmentfonds

Ein staatliches Angebot in der privaten Säule ist ein Irrweg

Mein Geld im Gespräch mit BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter über das geplante Staatsprodukt in der privaten Altersvorsorge und die Folgen für Wettbewerb und Rendite. Er erklärt, wieso der Vergleich mit Schweden falsch ist und warum Kosten von einem Prozent für das Altersvorsorgedepot nicht hoch sind

Herr Richter, in der privaten Altersvorsorge will der Staat künftig ein eigenes Standardprodukt anbieten. Damit hatte niemand mehr gerechnet, der Aufschrei war groß.

THOMAS RICHTER: Das stimmt. Zwar ist die Reform der privaten Altersvorsorge grundsätzlich zu begrüßen, weil sie Schluss macht mit dem Zwang zu Garantien und lebenslanger Verrentung und den Sparern damit höhere Renditechancen und mehr Flexibilität eröffnet. Jedoch ist ein staatliches Angebot in der privaten Säule ein Irrweg. Denn wenn der Staat nicht nur die Regeln setzt, sondern gleichzeitig auch als Anbieter im privaten Markt mitmischt, verzerrt er den Wettbewerb.

Inwiefern?

THOMAS RICHTER: Wenn die Verwaltung und der Vertrieb des Produktes mit Steuergeldern quersubventioniert werden, ist das ein Wettbewerbsvorteil, mit dem private Anbieter nicht mithalten können. Sie würden aus dem Markt gedrängt. Deshalb muss der Staat sämtliche Kosten – von der technischen Infrastruktur über den Verbraucherschutz bis zum Kundenservice – auf die Kunden umlegen. Wie ein privater Anbieter muss er die Gebühren so gestalten, dass er einen Gewinn erwirtschaftet. Sollten Beschäftigte im öffentlichen Dienst eingesetzt werden, müssen deren Personalkosten
aus dem Produkt gedeckt sein und nicht vom Steuerzahler.

Das ist vermutlich nicht sehr realistisch.

THOMAS RICHTER: Richtig. Das staatliche Produkt wird daher sehr günstig und somit die Benchmark für den privaten Markt sein. Die Kosten des staatlichen Angebots sind dann der faktische Kostendeckel – nicht die ein Prozent, die im Gesetz stehen. Das ist letztlich auch die Absicht hinter dem Staatsfonds. Für die Verbraucherlobby und auf sie hörende Politiker sind Kosten von einem Prozent zu hoch. Was sie dabei jedoch nicht bedenken: Das Altersvorsorgedepot ist ein komplexes reguliertes Produkt und kein einfacher ETF-Sparplan. Die Aufgabe der Anbieter umfasst nicht nur die reine Kapitalanlage. Vielmehr übernehmen sie umfangreiche administrative und beratende Leistungen, darunter das Management staatlicher Zulagen, die laufende Berücksichtigung individueller Lebenssituationen der Sparer – etwa bei Heirat, Geburt von Kindern oder Scheidungen – sowie eine kontinuierliche Kundenberatung. Dafür sind Kosten von maximal einem Prozent nicht hoch.

Der größte Wettbewerbsvorteil des staatlichen Angebots ist aber der Vertrauensvorschuss. Und er ist zugleich das größte Risiko für den Staat: Denn brechen die Märkte ein, werden viele Bürger erwarten, dass er Kursverluste ausgleicht. Am Ende steht die Politik nicht nur unter Druck, die Sparer in „ihrem“ staatlichen Produkt auszukehren, sondern faktisch die gesamte private Altersvorsorge. Schließlich sind die Leute Wähler. Die Konsequenzen für den Bundeshaushalt sind unkalkulierbar. Je größer dieser Staatsfonds wird, desto größer das Risiko für den Staat. Das ist politisch nicht durchdacht.

Als positives Beispiel für einen Staatsfonds in der privaten Altersvorsorge wird oft der schwedische AP7 genannt.

THOMAS RICHTER: Der AP7 ist nicht private Altersvorsorge, sondern Bestandteil der gesetzlichen Rentenversicherung. In Schweden fließt ein Teil des gesetzlichen Rentenbeitrags nicht in das Umlagesystem, sondern in ein kapitelgedecktes Produkt. Bemerkenswert ist, dass der schwedische Staat in der gesetzlichen Säule nicht nur den staatlichen AP7 zulässt, sondern auch private Anbieter. Zudem will er den Marktanteil des AP7 von derzeit etwa 50 Prozent senken, um durch aktive Wahl der privaten Fonds die Finanzbildung der Menschen zu fördern. In der privaten Altersvorsorge lehnt Schweden einen staatlichen Anbieter ab, wie übrigens alle anderen Länder auch. Wir beschreiten hier mal wieder einen der berühmten deutschen Sonderwege.

Kommen wir zur Anlagepolitik eines staatlich organisierten Altersvorsorgedepots. Wie unabhängig kann sie tatsächlich sein – oder besteht die Gefahr, dass politische Ziele (z. B. Standortförderung, Nachhaltigkeitsvorgaben) die Rendite systematisch verwässern?

THOMAS RICHTER: Die Anlagepolitik des staatlichen Angebots wird zwangsläufig öffentlich diskutiert werden – auch in Talkshows. Denn anders als etwa beim Kenfo, der als Staatsfonds das Geld des Staats verwaltet, sind Millionen Sparer im Altersvorsorgedepot direkt investiert. In solchen Debatten entscheidet oft der jeweilige Zeitgeist statt die Rendite. Mal werden Nachhaltigkeitsziele im Fokus stehen, mal die europäische Industriepolitik oder andere politische Ziele. Dass selbst der norwegische Ölfonds, in dem die Bürger nicht direkt investiert sind, solchen Einflussnahmen nicht entzogen ist, zeigt, wie real dieses Risiko ist. Die politische Beeinflussung und damit Einschränkung des Anlageuniversums schmälert jedoch die Renditechancen der Anleger. Rendite ist aber gerade in der Altersvorsorge, die über Jahrzehnte aufgebaut wird, entscheidend.

Sind die geplanten Investmentstrategien breit genug global diversifiziert – oder besteht die Gefahr einer politisch motivierten Übergewichtung europäischer beziehungsweise nationaler Märkte mit entsprechend höherem Klumpenrisiko?

THOMAS RICHTER: Das Altersvorsorgedepot ist ausdrücklich als renditeorientiertes Produkt ohne Garantien konzipiert. Ziel ist es, die langfristigen Ertragschancen der Kapitalmärkte zu nutzen. Entsprechend verzichtet der Gesetzgeber bewusst auf detaillierte Anlagevorgaben. Er gibt also nicht vor, wie investiert wird, sondern lediglich, in welche Vehikel investiert werden darf. Das sind insbesondere Wertpapierfonds.

Nach den Erfahrungen mit früheren Reformen: Ist die Bevölkerung überhaupt bereit, stärker auf kapitalmarktbasierte Vorsorge zu setzen – oder bleibt die Skepsis so groß, dass selbst gut konzipierte Anlagemodelle ins Leere laufen?

THOMAS RICHTER: Viele Deutsche setzen schon lange auf den Kapitalmarkt und sparen auch ohne steuerliche Förderung mit Fonds. Nach unserer Schätzung gibt es hierzulande 30 Millionen Fondssparverträge, Tendenz steigend. Darüber hinaus haben die Menschen die Notwendigkeit der privaten Altersvorsorge erkannt – 15 Millionen Riester-Verträge sind gemessen an der Zahl der Berechtigten beachtlich. Die Skepsis, die Sie ansprechen, kam, als die Riester-Produkte in der jahrelangen Niedrigzinsphase wegen der vorgeschriebenen Garantie kaum noch Rendite erwirtschafteten. Das neue Altersvorsorgedepot dagegen ist renditestärker und flexibler und hat das Potenzial, ein großer Erfolg zu werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

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