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Reformstau im Ruhestand: Warum Deutschland seine Altersvorsorge verschläft

Zwischen Symbolpolitik und Strukturversagen – die Bundesrepublik redet über Rentenreformen, während andere längst handeln

Deutschland diskutiert seit Jahren über die Zukunft seiner Altersvorsorge, doch konkrete Schritte bleiben aus. Während andere Industrieländer längst stabile, planbare Systeme etabliert haben, verliert sich die deutsche Politik in Wahlversprechen und teuren Sonderregeln. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob das System reformiert werden muss, sondern wann endlich gehandelt wird – und ob die Verantwortlichen den Mut zu unpopulären Entscheidungen aufbringen.

Die gesetzliche Rente bleibt das Rückgrat der Alterssicherung, doch sie steht unter wachsendem Druck. Immer neue Sonderwege wie die Rente mit 63 oder die Mütterrente bringen kurzfristig Zustimmung, langfristig aber finanzielle Schieflagen. Der Bundesrechnungshof beziffert allein die Kosten der Mütterrente inzwischen auf über 100 Milliarden Euro – finanziert aus Beiträgen statt Steuermitteln. Ein automatischer Anpassungsmechanismus, der das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung koppelt, wäre ein Schritt zu mehr Fairness und Berechenbarkeit. Länder wie Dänemark oder die Niederlande zeigen, dass solche Mechanismen das Vertrauen der Bürger stärken. Deutschland dagegen verhandelt jährlich neu über das, was längst verlässlich geregelt sein müsste.

Auch die private Vorsorge steckt im Reformstau. Die Riester-Rente, einst als Flaggschiff der Eigenvorsorge gefeiert, ist heute Symbol gescheiterter Bürokratie. Über 16 Millionen Verträge existieren, viele davon unrentabel oder ruhend. Zu kompliziert, zu papierlastig, zu wenig renditeorientiert. Was fehlt, ist ein modernes, digitales Altersvorsorgekonto – ohne Garantiezwang, aber mit klaren Schutzmechanismen und echter Flexibilität. Schweden macht es vor: Ein staatlich reguliertes, aber marktoffenes Modell bindet dort Millionen Sparer erfolgreich an den Kapitalmarkt. Deutschland dagegen misstraut noch immer dem Begriff „Rendite“ – und verschenkt damit Wohlstandspotenzial.

Auch die betriebliche Altersvorsorge bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Während Großbritannien mit einem automatischen Opt-out- System eine Beteiligungsquote von über 80 Prozent erreicht, stagniert Deutschland bei deutlich unter 50 Prozent. Ein verpflichtendes, aber digital umsetzbares Modell könnte die Lücke schließen – vor allem, wenn es kleine und mittlere Unternehmen nicht überfordert.

Notwendig wären einfache Prozesse, steuerliche Anreize für geringere Einkommen und echte Mitnahmemöglichkeiten beim Jobwechsel. Altersvorsorge darf keine Frage des Arbeitgeberformats mehr sein.

Hinzu kommt eine Bürokratie, die Vertrauen zerstört. Informationspflichten und Papierformulare überlagern das Wesentliche: Verständlichkeit. Laut Deutscher Rentenversicherung fühlen sich mehr als die Hälfte der Versicherten schlecht informiert über ihre Ansprüche. Wer nicht versteht, wie das System funktioniert, glaubt auch nicht, dass es funktioniert. Gefordert sind digitale Prozesse, standardisierte Kommunikation und eine klare Sprache – vom Rentenbescheid bis zur Auszahlung.

Und schließlich: Finanzbildung. Ohne Wissen keine Verantwortung. Nur rund ein Drittel der Deutschen traut sich zu, grundlegende Anlageentscheidungen zu treffen. Damit bleibt private Vorsorge für viele ein Angstthema statt ein Zukunftsprojekt. Finanzkompetenz muss daher fester Bestandteil von Schule, Ausbildung und Erwachsenenbildung werden – nicht als Randnotiz, sondern als Voraussetzung ökonomischer Selbstbestimmung.

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