Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg zuletzt auf knapp 4,75 Prozent – den höchsten Stand seit 2007. Auch zehnjährige Bundesanleihen erreichten zeitweise rund 3,3 Prozent. „Diese Größenordnung verändert das Kräfteverhältnis zwischen den Anlageklassen grundlegend“, sagt DZ BANK Analystin Birgit Henseler. Denn: Sichere Anleihen werfen nach Abzug der Inflation wieder positive Realrenditen ab – und machen Aktien plötzlich Konkurrenz.
Damit fallen zwei bewährte Treiber weg: Sinkende Zinsen, die jahrelang die Kurse beflügelten, und billiges Kapital für großzügige Aktienrückkäufe. „Dieser Rückenwind ist ausgelaufen“, so Henseler. Ein Ende der Rally bedeutet das aber nicht. „Langfristig ist die Gewinnentwicklung der wichtigste Treiber am Aktienmarkt“, betont die Analystin. Und die kann steigende Zinsen ausgleichen. Ein Beispiel dafür ist der S&P 500. Seit der Jahrtausendwende hat sich der Index trotz der damals hohen Bewertungen etwa verfünffacht.
Getragen wurde diese Entwicklung vor allem vom langfristigen Gewinnwachstum der Unternehmen. Die entscheidende Frage lautet künftig, ob sich neue Investitionen der Großunternehmen auch wirklich rechnen. „Bei Kapitalkosten von viereinhalb oder fünf Prozent gelingt das nicht mehr jedem Geschäftsmodell, das bei einem Prozent Zins noch funktionierte“, sagt Henseler. Die Spreu trennt sich somit zunehmend vom Weizen.