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J.P. Morgan AM: Geopolitische Risiken belasten, doch fundamentale Trends bleiben intakt

Stagflationsrisiko trifft auf robustes Gewinnwachstum. Warum 2026 nicht 2022 ist – Fiskaldilemma in den USA. Fokus auf Qualität und Sachwerte – selektive Chancen in Schwellenländern

© J.P. Morgan

Die Kapitalmärkte stehen weiterhin stark im Zeichen des Konflikts im Nahen Osten: Trotz kurzfristiger Entspannung der Ölpreise infolge eines zweiwöchigen Waffenstillstands im Iran inklusive einer teilweisen Öffnung der Straße von Hormus bleibt die Lage fragil. Denn nach Ansicht von Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, bestehen weiterhin strukturelle Versorgungsrisiken für die Weltwirtschaft. Insbesondere Engpässe bei Rohöl, Diesel und Helium belasten die Lieferketten nachhaltig. „Bei aller Sorge dürfen jedoch die anderen fundamentalen Trends nicht aus dem Blick geraten, die für Wachstum und Gewinne von Unternehmen wichtig sind und sich weiterhin stabil zeigen“, erklärt Galler im Rahmen der Vorstellung des Guide to the Markets für das zweite Quartal 2026. So rücken die fundamentale Profitabilität der Unternehmen und eine aktive Diversifizierung in reale Vermögenswerte als zentrale Säulen der Portfoliostabilität in den Fokus.

Stagflationsrisiko trifft auf robustes Gewinnwachstum

Die Straße von Hormus bleibt ein Nadelöhr für die Weltwirtschaft: Rund 20 Prozent der weltweiten Ölnachfrage werden dort transportiert. Trotz teilweiser Umleitungen rechnet Galler mit einem Versorgungsengpass von etwa 10 Millionen Barrel sollte die Straße geschlossen bleiben, was stagflationäre Impulse in die Weltwirtschaft setzt. Konkret bedeutet dies ein belastendes Zusammenspiel aus gedämpften Wachstums­aussichten bei gleichzeitig steigenden Inflationsgefahren. Für Marktteilnehmer und Zentralbanken stellt ein solcher Schock die größtmögliche Herausforderung dar, da er den Spielraum für konjunkturstützende Maßnahmen einengt. Besonders gefährdet sind aus Gallers Sicht Energieimportnationen wie Japan und Korea. Ein wichtiger Lichtblick sei jedoch, dass die Energieintensität der Weltwirtschaft heute deutlich geringer ist als während der Ölschocks der 1970er Jahre, etwa während des Jom-Kippur-Krieges.

Momentan tun die Zentralbanken aus Sicht von Tilmann Galler aber das einzig richtige, indem sie an der Seitenlinie stehen und beobachten, wie sich die Dinge entwickeln und wie lange der Schock andauert. „Je länger das andauert, desto unwahrscheinlicher und schwieriger wird es für die Fed, die Zinsen zu senken“, führt Galler aus.

Den stagflationären Risiken stehen jedoch zwei fundamentale Trends gegenüber, die Galler als entscheidende Wachstumstreiber identifiziert: Erstens wirkt der anhaltende Tech-Boom weiterhin als verlässlicher Motor für das globale BIP-Wachstum. Zweitens stützten massive staatliche Investitionsprogramme die Konjunktur. In Europa setzen steigende Verteidigungsausgaben und das deutsche Infrastrukturpaket Impulse, während in den USA die Steuersenkungen der One-Big-Beautiful-Bill und avisierte zusätzliche Pentagon-Ausgaben in Höhe von 200 Milliarden US-Dollar die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stützen sollten. „Dennoch wirkt der Druck auf die Energiepreise als Preisschock, der sich Stück für Stück in die Wirtschaft hineinfressen wird und den Konsum schwächt“, erklärt Galler. Der US-Dollar behauptet sich dabei erneut als sicherer Hafen, da die USA aufgrund ihrer Energieunabhängigkeit strukturelle Vorteile gegenüber Europa und Asien genießen.

Inflationsdynamik: Warum 2026 nicht das neue 2022 ist – Fiskaldilemma in den USA

Tilmann Galler sieht in der aktuellen Situation einige Unterschiede zum Krisenjahr 2022, als durch den Ukraine-Krieg ebenfalls Energiesorgen auftraten. „Allein was die Inflationsgefahren betrifft, befinden wir nicht auf dem gleichen Spielfeld wie 2022“, stellt der Ökonom fest. Während die Zentralbanken damals von der Inflation bei Nullzinsen überrascht wurden, sind die Realzinsen heute positiv, das Lohnwachstum schwächt sich ab und die Inflationstrends sind grundsätzlich fallend. Dennoch markiere das zweite Quartal 2026 einen Wendepunkt: „Anfang des Jahres war die Erwartung für dieses Jahr noch, dass die Wirtschaft sowohl fiskalisch als auch durch Zinssenkungen monetär massiv unterstützt wird. Dieser Rückenwind wird nun deutlich geringer ausfallen.“ Denn die Inflationsgefahren nehmen durchaus zu: Der inflationäre Druck durch Energiepreise schränke den Spielraum der Zentralbanken für Zinssenkungen massiv ein, was den erhofften monetären Schub dämpfe.

In den USA baut sich laut Tilmann Galler zudem ein politisches Dilemma vor den Midterm-Wahlen auf. Während der effektive Zollsatz von 16 auf 12 Prozent sinkt, gehen Einnahmen verloren, die eigentlich als Transfers an Privathaushalte geplant waren. Der US-Konsument trägt jedoch die Hauptlast der Energiepreise, und steigende Kosten für Benzin drohen die positiven Effekte staatlicher Programme wie die „One Big Beautiful Bill“ aufzuzehren.

In dieser Gemengelage zeigt sich eine fiskalische Kluft: „Während das US-Defizit den Spielraum für soziale Transfers einengt, steht Europa durch seine gezielten Infrastruktur-Investitionen ökonomisch resilienter da und dürfte das Wachstum deutlich über der Null-Linie halten“, erklärt Galler.

Anlagestrategie: Fokus auf Qualität und Sachwerte – Selektive Chancen in Schwellenländern

Die stagflationären Signale sprechen aus Sicht von Tilmann Galler für eine Rotation im Portfolio. Der schwache Monat März habe bereits eine Beruhigung und Anpassung bei den Bewertungen bewirkt. „Die KGVs sind zwar historisch hoch, aber nicht mehr so extrem wie zuvor. Dennoch könnten die Gewinnerwartungen der Analysten unter Druck geraten, sollte die Krise anhalten“, sagt Galler. Für Europa lassen sich laut Galler bei den Gewinnerwartungen trotzdem Verbesserungen zum Vorjahr erwarten, während die bisher sehr gut gelaufenen Schwellenländer – insbesondere der Halbleitersektor in Korea – bei einer langanhaltenden Krise vor Herausforderungen stehen dürften. Im Tech-Bereich sind zwar Rekordmargen zu beobachten, doch neue Risiken wie die Abhängigkeit der Halbleiterindustrie von Helium-Produktionen aus dem Persischen Golf mahnen aus Gallers Sicht zur Vorsicht.

In diesem Umfeld sieht Galler Qualitätsunternehmen mit hoher Rentabilität und niedriger Verschuldung gefragt. Dieser Fokus auf Substanz beschränke sich nicht nur auf den Tech-Bereich. Da Wachstumsaktien empfindlich auf steigende Renditen reagieren – deutsche Staatsanleihen sprangen zuletzt über die Marke von 3 Prozent –, gewinnen Value-Titel und zuverlässige Dividendenzahler an Attraktivität. „Für Anleihen gilt, dass sie auf dem aktuellen Niveau zwar interessante Ertragsperspektiven bieten, in Phasen steigender Inflation jedoch nicht immer ausreichende Stabilität liefern können“, sagt Galler. Deshalb sind reale Vermögenswerte wie Infrastruktur und Transport als Stabilitätsanker laut langfristig angelegten Analysen von J.P. Morgan Asset Management unverzichtbar. Aktuell können insbesondere Leasinggeber im Schiffsbereich von den veränderten Handelsrouten profitieren.

In den Schwellenländern zeigen sich derzeit starke Bewertungsdivergenzen: Während Korea und Taiwan Anfang des Jahres Rekordbewertungen erreicht haben und damit Risiken aufbauten, bieten China und Lateinamerika aus Gallers Sicht attraktivere Einstiegspunkte. Ein pauschales Übergewichten von Emerging Markets bei hohen Rohstoffpreisen sei jedoch nicht ratsam, stattdessen gelte es, selektiv vorzugehen, um spezifische Energierisiken zu berücksichtigen.

Letztlich bleibe eine aktive Diversifizierung entscheidend, um Schutz gegen Inflation aufzubauen und gleichzeitig von der regionalen Gewinnentwicklung zu profitieren, fasst Galler zusammen.

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