Mein Geld im Gespräch mit Michael Ruppenthal, Head of Business Development Germany & Austria, darüber, wie Geopolitik, Inflation und neue Megatrends die Spielregeln verändern und warum Disziplin, Diversifikation und Vertrauen für Anleger jetzt entscheidend sind
Herr Ruppenthal, die Märkte wirken erstaunlich stabil. Gleichzeitig erleben wir geopolitische Spannungen auf mehreren Ebenen. Leben wir gerade in einer trügerischen Ruhe?
MICHAEL RUPPENTHAL: Stabilität und Ruhe haben in letzter Zeit massiven täglichen Marktschwankungen Platz gemacht. Diese sind auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen zurückzuführen. Investoren versuchen nach wie vor, die langfristigen Auswirkungen dieser kurzfristigen Störungen einzuschätzen, insbesondere die des Ölpreisschocks und dessen potenzielle
Auswirkungen auf künftige Inflationszahlen und somit auf das Wirtschaftswachstum. Ob die derzeitige Ruhe gerechtfertigt ist oder nur trügerisch, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht endgültig sagen.
Inwieweit beeinflussen geopolitische Konflikte heute tatsächlich Anlageentscheidungen – und wo könnte es zu einer Überreaktion kommen?
MICHAEL RUPPENTHAL: Dies ist eine wichtige Frage, denn oft besteht eine Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Bedeutung geopolitischer Konflikte und ihren tatsächlichen Auswirkungen. Für Anlageentscheidungen sind der Strukturwandel und die langfristigen Auswirkungen geopolitischer Spannungen entscheidender. Im aktuellen Konflikt haben wir uns getäuscht, als wir dachten, Donald Trump würde dessen Auswirkungen und Dauer begrenzen. Der zu Jahresbeginn herrschende Optimismus hinsichtlich des Wachstums ist zusammengebrochen. Anleger erwarten nun einen starken Anstieg der Inflation. Und dieses Umfeld hat Privatanleger, die in den letzten Jahren die treibende Kraft hinter der Rallye waren, dazu veranlasst, vorsichtiger zu werden.
Die USA dominieren weiterhin die Kapitalmärkte. Ist das noch gesund oder ist es bereits zu einem Konzentrationsrisiko geworden?
MICHAEL RUPPENTHAL: Die US-Aktienmärkte sind stark konzentriert. Es geht jedoch nicht darum, sich aus den USA zurückzuziehen, sondern vielmehr darum, das Engagement in einem Markt zu reduzieren, dessen Diversifizierungsvorteile aufgrund seiner Größe und Intensität geschwunden sind.
Ein nützliches Instrument zur Messung des Risikos einer Diskrepanz zwischen Narrativ und Realität ist das sogenannte „Hopesand- Dreams“-Verhältnis. Diese Kennzahl unterteilt die Marktkapitalisierung des S&P 500 in drei Segmente: Buchwert, diskontierte Gewinne für die nächsten drei Jahre und schließlich alles darüber hinaus. Heute hängen etwa 70 Prozent des Marktwerts des S&P 500 von den Gewinnen ab, die über das dritte Jahr hinaus erzielt werden. Wir zahlen also heute für eine ferne Zukunft, die sich mit chirurgischer Präzision entfalten muss. Unter solchen Bedingungen hat jede Enttäuschung ein größeres Gewicht.
Europa, Japan, Schwellenländer: Sind dies echte Alternativen oder lediglich relative Chancen?
MICHAEL RUPPENTHAL: Im Vergleich zu den USA wird Europa mit einem strukturellen Abschlag gehandelt. Das schafft fruchtbaren Boden für positive Überraschungen, die noch nicht vollständig eingepreist sind. Darüber hinaus spiegeln sich viele der laufenden Strukturreformen noch nicht in den Bewertungen wider. Anders als bei den Risiken einer Überbewertung in den USA bietet Japan eine seltene Kombination aus strukturellem Wandel, angemessenen Bewertungen und makroökonomischer Dynamik. Auch zahlreiche Schwellenländer sind gut positioniert und eignen sich als robuste Alternative für eine globale Diversifizierung.
Themen wie Weltraumwirtschaft, Robotik und Rohstoffe gewinnen an Bedeutung. Wo sehen Sie hier die größten Chancen?
MICHAEL RUPPENTHAL: Zu unseren wichtigsten Überzeugungen gehören Raumfahrtwirtschaft, Robotik und Rohstoffe. Diese Megatrends gewinnen derzeit nicht nur aufgrund des technologischen Fortschritts an Bedeutung, sondern auch angesichts der sich daraus ergebenden Aussichten und Chancen – insbesondere für Bereiche, die eng mit geopolitischen Interessen verflochten sind. So wird beispielsweise erwartet, dass der Raumfahrtmarkt bis 2035 jährlich um etwa neun bis zehn Prozent wachsen wird, wobei bestimmte Segmente der Raumfahrtwirtschaft wie die Weltraumverteidigung wahrscheinlich noch schneller wachsen werden. Auch für den Robotiksektor wird ein anhaltender Wachstumstrend erwartet. Dieser wird von strukturellen Faktoren wie Fachkräftemangel, steigenden Löhnen und der zunehmenden Integration von KI durch humanoide Roboter angetrieben. Tatsächlich dürfte sich die Verbreitung humanoider Roboter in der Realwirtschaft beschleunigen, da ihre Produktionskosten weiter sinken – von durchschnittlich 1,5 Millionen US-Dollar vor fünf Jahren auf heute 50.000 US-Dollar. Dieser Wandel ist mit der Automobilrevolution vergleichbar und eröffnet langfristige Chancen.
Reicht Leistung heute noch aus oder ist Vertrauen der eigentliche Schlüssel zum Erfolg?
MICHAEL RUPPENTHAL: Im heutigen Asset Management reicht Performance allein kaum noch aus. Sie ist zwar die Grundlage, aber nicht mehr der entscheidende Erfolgsfaktor. Der eigentliche Unterschied entsteht zunehmend durch Vertrauen.
Das hat vor allem einen Grund: Performance kann viele Facetten haben. Sie kann absolut oder relativ sein, konsistent oder zufällig entstehen und unterschiedliche Bedeutungen haben: Für den einen ist
sie eine hohe Rendite, für den anderen ein geringes Risiko und für einen dritten ist sie Diversifikation. Performance ist also kein eindimensionaler Wert, sondern ein Zusammenspiel aus Ertrag, Risiko, Vergleichsmaßstab, Stabilität und Transparenz.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Performance unwichtig geworden ist. Ohne solide Ergebnisse lässt sich kein Vertrauen aufbauen oder erhalten. Sie wirkt heute jedoch eher als notwendige Grundlage,
während Vertrauen zur eigentlichen Differenzierungsgröße wird. Erfolgreiche Asset Manager kombinieren daher eine robuste, langfristig tragfähige Performance mit der Fähigkeit, ihre Entscheidungen verständlich zu machen und auch in unsicheren Zeiten Orientierung zu bieten.
Wenn Sie den Anlegern heute nur eine einzige wichtige Botschaft mitgeben könnten, welche wäre das?
MICHAEL RUPPENTHAL: Wenn ich es auf eine einzige Botschaft verdichten müsste, dann wäre es diese: Disziplin schlägt Prognose. In einer von Unsicherheit, geopolitischen Spannungen und schnellen Marktwechseln geprägten Welt wird der Versuch, kurzfristige Entwicklungen präzise vorherzusagen, zunehmend zur Illusion. Märkte reagieren oft nicht linear, sondern sprunghaft – und selbst scheinbar klare Szenarien können sich schnell als falsch erweisen. Wer seine Investmententscheidungen primär auf Prognosen stützt, läuft daher Gefahr, ständig reagieren zu müssen und dabei genau die falschen Zeitpunkte zu erwischen.
Erfolgreiches Investieren basiert heute weniger auf der Frage „Was passiert als Nächstes?“, sondern vielmehr auf der Frage „Ist mein Portfolio so aufgestellt, dass es verschiedene Szenarien aushält?“. Genau hier kommt Disziplin ins Spiel: eine klare Strategie, ein durchdachter Risikorahmen und die Fähigkeit, auch in volatilen Phasen daran festzuhalten.
Das bedeutet jedoch nicht, Informationen oder Marktanalysen zu ignorieren. Im Gegenteil. Sie bleiben wichtig. Ihr Zweck verschiebt sich jedoch: weg von punktgenauen Vorhersagen, hin zu einem besseren Verständnis von Risiken und möglichen Entwicklungen. Gute Investoren setzen nicht auf einzelne Szenarien, sondern auf robuste Portfolios, die auch dann funktionieren, wenn sie falsch liegen.
Eine letzte persönliche Frage. Sie sind seit mehr als 25 Jahren im Vertrieb aktiv verwalteter Investmentfonds tätig. In einer Zeit kostengünstiger ETFs und Neo-Broker hören wir immer wieder Vorhersagen über das Ende des traditionellen Vertriebs – und damit auch Ihres Berufs. Gehört Ihr Beruf der Vergangenheit an?
MICHAEL RUPPENTHAL: Ich möchte ungern mit der Phrase der „Totgesagten” antworten, aber ich behaupte, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. Der Job war noch nie so wichtig wie heute, und seine Bedeutung wird weiter zunehmen. Allerdings verändert sich meine Rolle gerade grundlegend! Früher war der Vertrieb oft stark produktgetrieben: Fonds präsentieren, Performance hervorheben, Allokationen platzieren. Dieses Modell funktioniert heute jedoch nur noch eingeschränkt. Warum? Weil sich drei Dinge massiv verändert haben:
Erstens ist Information kein knappes Gut mehr. Investoren haben heute direkten Zugang zu Daten, Research und Produkten. Dadurch verliert der klassische „Produktverkäufer“ an Bedeutung. Zweitens ist der Wettbewerb deutlich härter geworden. Viele Produkte sind austauschbar. Allein über Performance oder Storytelling zu verkaufen, reicht nicht mehr aus. Drittens haben sich die Erwartungen der Investoren verändert. Sie suchen weniger „Produkte“, sondern vielmehr die Einordnung komplexer Märkte, individuelle Lösungen und langfristige Partnerschaften.
Mein Beruf verschwindet also nicht – er entwickelt sich weiter!
Ich bin heute eher Übersetzer von Komplexität, Sparringspartner und Schnittstelle in einer Person. Ich bin weniger Verkäufer und mehr Vertrauensarchitekt. Mein Fokus liegt weniger auf Produkten und mehr auf Problemlösungen. Wer weiterhin nur Produkte platziert, wird es schwer haben. Wer hingegen Orientierung bietet, Zusammenhänge erklärt und Vertrauen aufbaut, wird, wie bereits erwähnt, wichtiger als je zuvor.
Vielen Dank für das Gespräch.






























