Mit 70 US-Dollar pro Barrel liegt Brent-Rohöl nun wieder auf dem Niveau vor Ausbruch des Iran-Konflikts. Es scheint, als hätten sich frühere Prognosen hinsichtlich physischer Engpässe nicht bewahrheitet.
Infolgedessen sind die Breakeven-Raten inflationsgebundener Anleihen und Inflationsswaps auf ein Niveau gesunken, das den Preiszielen der Zentralbanken entspricht. Trotzdem dürfte die Inflation vorerst auf erhöhtem Niveau verharren. Der Verbraucherpreisindex wird voraussichtlich nur schrittweise über die Zeit sinken.
Allerdings lässt sich feststellen, dass dieses veränderte Inflationsbild Zinserhöhungen weniger dringlich macht. Aus dieser Perspektive könnte sich die Abflachung der Staatsanleihekurven verlangsamen, wobei Anleihen mit kürzeren Laufzeiten künftig wahrscheinlich stärker unterstützt werden.
In den USA dürfte die Inflation aufgrund einer robusten Wirtschaft, die von Investitionszuwächsen im Zusammenhang mit dem KI-Boom angetrieben wird, das restliche Jahr über auf hohem Niveau verharren. Die Fed dürfte daher an ihrer restriktiven Haltung festhalten, jedoch möglicherweise noch von einer Zinserhöhung absehen.
Als neuer Fed-Vorsitzender möchte Kevin Warsh verständlicherweise als Kämpfer gegen die Inflation wahrgenommen werden. Allerdings geben ihm der Höhepunkt der Verbraucherpreisindexdaten und die günstigeren Inflationsprognosen Anlass, politische Maßnahmen bei den nächsten beiden Sitzungen aufzuschieben. Er achtet bei der Inflation in erster Linie auf den Wert auf die Zahl links der Dezimalstelle. Die Fed ist zwar bestrebt, die Kerninflation von derzeit 3,4 % auf ein Niveau näher an 2,5 % zu senken, doch auch ein Wert nahe 3 % wäre mit ihrem Ziel noch vereinbar. Warsh könnte deshalb harte Töne anschlagen, ohne tatsächlich etwas umsetzen zu müssen, und dann die Lorbeeren einheimsen, sobald der Preisdruck nachlässt. Die Märkte preisen indes weiterhin eine Zinserhöhung der Fed bis Oktober und eine weitere Straffung für nächstes Jahr ein.
In der Eurozone wurde der Anleihemarkt diese Woche durch Äußerungen von EZB-Präsidentin Lagarde gestützt, die erklärte, sie sehe „keinen Bedarf für eine entschlossenere Reaktion auf den Iran-Krieg“. Eine Zinserhöhung im Juli ist damit unwahrscheinlich. EZB-Mitglied Philip Lane wies auf das Risiko länger anhaltender hoher Inflation hin, und auch die restriktiv ausgerichtete Isabel Schnabel plädierte für eine weitere Straffung der Geldpolitik, so dass die Märkte weiterhin eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Anhebung des Leitzinses auf 2,5 % im September einpreisen.
Da der Einkaufsmanagerindex jedoch auf ein schwaches Umfeld für die Konjunktur hindeutet, halten wir es für wahrscheinlicher, dass die EZB ihre Zinserhöhungen nun abgeschlossen haben könnte. Aus dieser Perspektive halten wir 2-Jahres-Swaps bei 2,75 % weiterhin für attraktiv bewertet.
Die Aussichten für Anleihen mit längeren Laufzeiten dürften weniger klar sein, sollte die expansive Fiskalpolitik anhalten. Da die Renditen 30-jähriger Bundesanleihen auf einem Niveau liegen, das dem Stand zu Beginn des Jahres 2026 entspricht, gehen wir davon aus, dass Gewinne eher bei Anleihen mit kurzen und mittleren Laufzeiten zu erzielen sind.
Unterdessen hat der Sieg des rechtsgerichteten Kandidaten de la Espriella bei den Wahlen in Kolumbien dazu beigetragen, die Stimmung gegenüber lateinamerikanischen Anlagen zu verbessern, wobei die Monroe-Doktrin wieder stärker in den Fokus gerückt ist. Danach kommt den USA eine größere Rolle im regionalen Kontext der westlichen Hemisphäre zut.
Sollte sich der Aufwärtstrend bei den US-Zinsen und dem Dollar in den nächsten Wochen abschwächen, könnte dies ein günstigeres Marktumfeld für Anleihemärkte wie Brasilien und andere Länder schaffen, in denen die Renditen zuletzt unter Aufwärtsdruck standen.
Ausblick
Mit Blick auf die zweite Jahreshälfte müssen wir anerkennen, dass die vergangenen Monate aus makroökonomischer Anlageperspektive eine herausfordernde Phase waren. Das zweite Quartal über rechneten wir mit einem verstärkten und anhaltenden Inflationsschock (daher unsere Positionierung in inflationsgebundenen Anleihen und Swaps) sowie mit Rezessionsrisiken in Europa aufgrund von Inflation, strafferer Geldpolitik und Störungen in den Lieferketten. Diese Trends haben sich nicht verfestigt, weshalb eine Neupositionierung und Neubewertung notwendig wurde.
Dennoch sind wir weiterhin fest davon überzeugt, dass die Inflation in den USA anhalten wird, dass europäische Anleihen gegenüber US-Staatsanleihen eine relative Outperformance erzielen werden und dass sich das lange Ende der Renditekurve in Japan abflachen wird. Wir sehen Chancen in einigen Lokalwährungsmärkten der Schwellenländer und gehen davon aus, dass sich die Schwellenländer besser entwickeln könnten, falls die Trends hin zu einem stärkeren Dollar und höheren US-Renditen nachlassen.
Bei Unternehmensanleihen verfolgen wir einen Relative-Value-Ansatz, und obwohl wir derzeit nur ein moderates Wechselkursrisiko eingehen, gehen wir davon aus, dass die anhaltenden globalen und geopolitischen Turbulenzen sowie die Volatilität in den kommenden Wochen und Monaten Chancen für eine aktive Positionierung bieten werden.
Europa stöhnt unter einer Hitzewelle, doch während die Kontinentaleuropäer Sonnenbrand bekommen, scheint vielen Brieten aktuell eher die Schamesröte ins Gesicht zu steigen, wenn sie an das Brexit-Referendum vor zehn Jahren denken. Aus der Geschichte lässt sich immer wieder lernen, um in Zukunft nicht in vergleichbare Situationen zu geraten. Die erste Hälfte des Jahres 2026 war nicht einfach, aber jeder Fußballfan wird bestätigen, dass das Spiel selten in den ersten 45 Minuten entschieden wird. Auf eine starke zweite Halbzeit!






























