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ODDO BHF CIO View: Höhenangst – Rücksetzer bei Tech-Aktien

Bei Technologieaktien, insbesondere Halbleiterwerten, ist es zu Gewinnmitnahmen und Kursrückgängen gekommen. Geopolitische Risiken, stärkere US-Arbeitsmarktdaten, erhöhte Inflationsrisiken, Zinserhöhungserwartungen und die hohe Kapitalmarktbeanspruchung belasten die Tech-Werte


Kurssteigerungen gehen mit hohem Gewinnwachstum einher, Bewertungen erscheinen nicht extrem.
Robuste Konjunktur hat auch eine stützende Wirkung auf den Aktienmarkt.
Wir bleiben Aktien/Tech (leicht) übergewichtet, Volatilität könnte in nächster Zeit erhöht bleiben.

Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Rally ist es kaum verwunderlich, wenn die Märkte ihren Vorwärtsdrang hinterfragen und Kursgewinne mitnehmen. Für eine gesunde Marktentwicklung ist es immer hilfreich, wenn die Anleger die Risiken im Auge behalten und stets prüfen, ob der Aufwind noch trägt.

Es waren mehrere Entwicklungen und Argumente, die über die letzten Wochen und Tage stärker in den Vordergrund getreten sind und die den Kurseinbruch der vergangenen Woche im engen Zusammenspiel ausgelöst haben dürften.

(1) USA-Iran-Konflikt: Seit zweieinhalb Monaten gibt es Bestrebungen, den Konflikt beizulegen. Die Öffnung der Straße von Hormus verzögert sich aber immer wieder… Die Märkte und der Ölpreis bleiben schlagzeilengetrieben.

(2) Makroökonomisches Umfeld: Die amerikanischen Arbeitsmarktzahlen vom Freitag vergangener Woche zeigen für Mai und, aufwärts revidiert, für April und März einen überraschend kräftigen Beschäftigungsaufbau…

(3) Geldpolitik: Die aktuelle Arbeitsmarktentwicklung widerspricht unseres Erachtens dem Argument, dass die Schwäche des Arbeitsmarktes eine Lockerung der Geldpolitik sinnvoll macht. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund einer beschleunigten US-Inflation. Angesichts der jüngsten Entwicklungen hat sich die Zinsmeinung der Anleger weitergedreht…

(4) Relative Bewertung von Anleihe- und Aktienmärkten: Eine potenziell straffere Geldpolitik und höhere langfristige Renditen machen Anleihen im Vergleich attraktiver für Anleger…Gerade Technologieaktien rechtfertigen ihre vergleichsweise hohen Bewertungen oft damit, dass sie auf lange Sicht einen wachsenden Ertragsstrom generieren. Sie reagieren deshalb unter Umständen sensibler auf Erwartungen über Zinsänderungen.

(5) Kapitalerhöhungen und Neuemissionen: Der Finanzierungsbedarf für den Ausbau der KI-Infrastruktur ist enorm. Selbst die großen und Cashflow-starken Technologieunternehmen zapfen zunehmend externe Quellen an. Zuletzt wurden von einigen großen Adressen – darunter Google (80-85 Mrd. USD) und Meta („tens of billions“), eventuell Amazon – Überlegungen zu Kapitalerhöhungen angestellt. Die damit verbundenen Verwässerungseffekte könnten die Aktienkurse belasten. Die IPOs von SpaceX sowie, geplant, von OpenAI und Anthropic stellen eine weitere massive Inanspruchnahme des Kapitalmarktes in Aussicht – Schätzungen gehen von bis zu 200 Mrd. USD (davon SpaceX 175 Mrd. USD) aus. Auch diese Vorgänge können Anleger zu Umschichtungen veranlassen.

In der Summe geben die genannten Entwicklungen und Faktoren hinreichend Anlass, die Bewertungen am Aktienmarkt und die Allokation zu hinterfragen. Wir sind allerdings überzeugt, dass es momentan wenig Gründe zur Aufgeregtheit gibt. Beruhigend ist zum einen, dass – von Einzelfällen abgesehen – die Bewertungen selbst in den angesprochenen Technologiebereichen nicht haltlos übertrieben wirken. Schauen wir auf die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Technologiesektor des MSCI World: Die KGVs sind zwar anspruchsvoll, die seit einigen Jahren höheren Niveaus lassen sich aber durch den KI-Boom ein Stück weit rechtfertigen. Insbesondere der Halbleiterbereich scheint nicht allzu extrem bewertet.

Die Bewertung steht und fällt natürlich damit, dass die Gewinnerwartungen für die kommenden Quartale erfüllt werden. Die Gewinnschätzungen waren vor allem im zweiten Quartal stark nach oben gesetzt worden – vor allem aufgrund der rasch wachsenden Nachfrage nach Rechenkapazität und der dafür notwendigen Infrastruktur. Sollte die Dynamik der Investitionen nachlassen, oder sollten Zweifel an der Rentabilität der Investitionen entstehen, muss die Situation neu bewertet werden. Danach sieht es nach unserer Einschätzung momentan aber nicht aus.

Ein zweiter beruhigender Faktor ist die Robustheit der US-Konjunktur. Die verbesserte Beschäftigungsentwicklung dürfte auch ein Faktor sein, der die Konsumentenstimmung hebt und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in der Breite (abseits von KI) unterstützt. Hier behalten wir im Auge, ob sich Anleger stärker anderen Sektoren als Technologie zuwenden.

Der jüngste Rücksetzer an den Aktienmärkten ist nach unserer Einschätzung kein Grund für einen Rückzug. Anlagepolitisch bleiben wir weiterhin positiv für den US-Aktienmarkt und damit leicht übergewichtet in Aktien. Wir bleiben für den Technologiesektor zuversichtlich. Wir können uns allerdings vorstellen, dass die Sommermonate angesichts der zahlreichen Risikofaktoren eine zwischenzeitlich hohe Volatilität bringen könnten. Die US-Geldpolitik verfolgen wir selbstverständlich intensiv und werden die Zinsentscheidung mitsamt der Kommunikation durch den neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh bewerten. Die aktuelle Ausrichtung der amerikanischen Notenbank ist ohnehin leicht restriktiv, und eine Zinserhöhung bis zum Jahresende, zwei Zinserhöhungen bis Mitte 2027 preisen die Terminmärkte bereits ein. Dass die Geldpolitik in den USA eine noch deutlich schärfere Gangart einschlägt, halten wir unter den derzeitigen Bedingungen für nicht sehr wahrscheinlich.“

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