Wirtschaft

Roland Berger-Studie: Niedriger Ölpreis setzt Förderländer und Ölfirmen unter Druck – Prognosen zunehmend unzuverlässig

Die Prognosen der Ölförderländer für den Ölpreis werden aufgrund der aktuellen Entwicklungen immer unzuverläßiger. Für das Jahr 2015 rechneten sie mit einem durchschnittlichen Ölpreis pro Barrel von 95 Dollar, doch der tatsächliche Durchschnittspreis lag bei 49 Dollar pro Barrel.

  • Für 2015 erwarteten die Ölförderländer einen durchschnittlichen
  • Ölpreis von 95 Dollar pro Barrel, tatsächlich lag er bei 49
    Dollar pro Barrel
  • Stagnierende Nachfrage, hohe Ölproduktion in OPEC-Ländern und
    verstärkte Schieferölförderung in den USA führten zu
    Preisverfall
  • Staatshaushalte der Ölförderländer basieren auf 38-53
    Dollar pro Barrel, tatsächlicher Ölpreis dürfte aber unter 40
    Dollar liegen
  • Ölindustrie stark unter Druck – Restrukturierungsmaßnahmen sind
    erforderlich

„Die Kombination aus verstärkter Schieferölförderung in
den USA und einer weltweit stagnierenden Ölnachfrage führte zu einem
Überangebot und somit zu sehr niedrigen Ölpreisen“, erklärt Walter
Pfeiffer, Partner von Roland Berger. Auch die Forschungsinstitute
wurden davon überrascht und setzten den erwarteten
Durchschnitts-Ölpreis für 2015 zu hoch an, so das Ergebnis der neuen
Roland Berger-Studie „2016 oil price forecast: who predicts best?“.
Darin analysieren die Roland Berger-Experten die Preisprognosen der
größten Ölförderländer und Institutionen seit 2007.

Bei den Prognosen der Ölförderländer spielen politische Faktoren eine
sehr wichtige Rolle. Denn die Regierungen nutzen diese Prognosen als
politisches Instrument; deshalb setzen sie die prognostizierten
Ölpreise absichtlich hoch an. „Wenn die Förderländer einen niedrigen
Ölpreis vorhersagen, müssen sie auch ihre Staatshaushalte kürzen“,
erläutert Pfeiffer. „Das ist den Bürgern nicht immer leicht zu
erklären. Nachdem der Ölpreis jetzt jedoch seinen niedrigsten Stand
seit dreizehn Jahren erreicht hat, sind Haushaltskürzungen
unausweichlich – und leichter zu begründen.“

Niedriger Ölpreis setzt Haushalt der Förderländer unter Druck

Die aktuelle Ölpreisentwicklung zeigt große Ähnlichkeiten zur Lage im
Jahr 1986. Auch damals war der Ölpreis sehr niedrig, allerdings nicht
aufgrund einer Rezession. Damals überfluteten die OPEC-Länder den
Markt mit Öl und sorgten so für ein Überangebot, mit dem Ziel
Marktanteile von Russland zurückzugewinnen. Heute haben Länder wie
Saudi-Arabien beschlossen, die Fördermengen unverändert zu belassen,
um keine Marktanteile an die USA zu verlieren. „Ein kurzfristiges
Überangebot wirkt sich im Allgemeinen nicht auf den Ölpreis aus“,
sagt Pfeiffer. „Aber inzwischen wird bereits seit siebzehn Monaten
täglich ein Überschuss von rund 1,8 Millionen Barrel gefördert.“

Die Frage ist, wie lange dieser Preistief anhalten wird. Für 2016
prognostizieren die Internationale Energieagentur (IEA), der New York
Mercantile Exchange (NYMEX) und die amerikanische Energy Information
Administration (EIA) einen leichten Anstieg des Ölpreises auf rund 46
Dollar pro Barrel. Die Ölförderländer rechnen für ihre Haushalte
jetzt mit 38-53 Dollar. Um den Ölpreis vom heutigen Niveau auf 50
Dollar pro Barrel anzuheben, müssten sie den Überschuss loswerden,
was angesichts der anhaltenden Wachstumsschwäche in China und den
BRIC-Staaten sowie der Reduktion des Ölverbrauchs in vielen
OECD-Ländern kurzfristig nicht zu erwarten ist. Alternativ könnte man
die Förderung einschränken und so weniger Öl auf den Markt bringen.
„Beim derzeitigen Ölpreis kämpfen die OPEC-Länder mit
Haushaltsdefiziten“, sagt Walter Pfeiffer. „Allerdings scheinen sich
viele Ölförderländer darauf einzustellen, bei einem Ölpreis von
weniger als 40 Dollar pro Barrel überleben zu müssen. So haben zum
Beispiel die Verinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabien die
Subventionen für Kraftstoffe, Strom- und Wasserversorgung deutlich
gekürzt und planen die Einführung einer Mehrwertsteuer. Auch über
Privatisierungen wird nachgedacht.“

Saudi-Arabien und weitere OPEC-Staaten kündigten vor kurzem an, die
Ölförderung auf dem aktuellen Niveau einzufrieren. Diese Entscheidung
in Kombination mit dem steigenden Angebot aus dem Iran und vom
Kaspischen Meer wird weiterhin für sehr niedrige Ölpreise sorgen.
„Unter diesen Voraussetzungen werden Unternehmen mit älteren
Ölfeldern in der Nordsee sowie in Mittel- und Osteuropa genauso wie
einige nordamerikanische Ölförderer auf radikale
Umstrukturierungsmaßnahmen zurückgreifen müssen, um auf dem
internationalen Markt zu überleben“, sagt Roland Berger-Experte
Pfeiffer. Kostensenkungen müssten dabei auf allen Ebenen ansetzen:
vom Aussetzen der Exploration über die Überprüfung aller
Investitionen bis hin zur Senkung der laufenden Betriebskosten und
der Kosten von Ölfeld-Dienstleistern. „Auch eine temporäre Schließung
von unwirtschaftlichen Feldern kommt in Frage, wenn die Förderkosten
nicht dauerhaft gedeckt werden können“, sagt Pfeiffer. „Und
selbstverständlich muss auch die gesamte Organisation in den
Unternehmenszentralen und Betriebsgesellschaften auf Effizienz
ausgerichtet werden.“

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