Wirtschaft

Inflation: Möglich – aber erst auf lange Sicht

Von Silvia Dall’Angelo, Senior Economist bei Federated Hermes

stevepb / Pixabay

Wenn das derzeitige Experiment einer koordinierten fiskal- und geldpolitischen Expansion aufrechterhalten wird, dürfte es auf lange Sicht zu einem Anstieg der Inflation führen. Klar: Die lockere Geldpolitik hat bereits für ein gewisses Maß an Inflation gesorgt. Dies ist jedoch eine äußerst uneinheitliche Entwicklung, die bislang keine Auswirkung auf die Verbraucherpreise hat, sondern sich in den Vermögenspreisen niederschlägt.

Öffentliche Ausgaben können die nötigen Impulse liefern, doch die Zusammensetzung und die Art und Weise der Ausgaben spielt eine große Rolle. Gezielte Finanzspritzen können als Bindeglied zwischen der Expansion der Geldmenge und der Inflation der Verbraucherpreise wirken, indem sie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigern.

Für das Wirtschaftsumfeld mit Abklingen der COVID-Krise gehen wir davon aus, dass sich strukturelle Faktoren, die die Inflation viele Jahre eingedämmt haben – darunter die Globalisierung, die ungleiche Vermögensverteilung, Technologien und geringe Produktivität – in eine andere Richtung entwickeln. Die Fiskalpolitik ist mittel- bis langfristig klar inflationär ausgerichtet. Das könnte jedoch möglicherweise nicht ausreichen, um dem langfristigen Disinflationsdruck entgegenzuwirken.

Welche fünf Faktoren Einfluss auf die Inflationsentwicklung haben – ein Überblick:

Unter Druck? Fünf Faktoren für Inflation

Trotz aller Bemühungen der Zentralbanken weltweit, die Inflation während des Jahrzehnts nach der globalen Finanzkrise zu steigern, haben extrem niedrige Zinsen und eine wahre Liquiditätsflut dazu geführt, dass die Inflationsrate das Ziel von 2 Prozent kontinuierlich verfehlt. Die COVID-19-Krise und die einhergehende Rezession haben den stärksten Produktions- und Beschäftigungseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg sowie einen erheblichen disinflationären Impuls ausgelöst. Die politischen Entscheidungsträger haben mit Nachdruck reagiert und fiskalische Anreize zum neuen Mittel der Wahl erklärt: Ermöglicht durch die expansive Geldpolitik wurden in den G4-Industriestaaten und in China Konjunkturpakete mit einem Gesamtvolumen von mehr als zehn Billionen US-Dollar verabschiedet.

Ob dieses politische Experiment seine Wirkung entfalten und die Inflation steigern wird, muss sich noch zeigen, da sich auf kurze und auf lange Sicht gewisse Hürden abzeichnen.

1. Inflationsdruck dürfte 2021 verhalten ausfallen

Die COVID-Krise hat der Wirtschaft einen schweren Schlag versetzt, dessen Auswirkungen sich insbesondere in einem deutlichen Einbruch am Arbeitsmarkt zeigen. Infolgedessen dürfte die nachfrageinduzierte Inflation weiter gedämpft bleiben, da es einige Zeit brauchen wird, das verlorene Terrain wiederzugewinnen. In den USA ist die die Zahl der Erwerbstätigen beispielsweise um zehn Millionen gegenüber dem Vorkrisenniveau gesunken. Ausgehend von der jüngsten Entwicklung des Beschäftigungswachstums könnte es Jahre dauern, bis dieser Verlust ausgeglichen ist.

2. Basiseffekte und Kostendruck für kurzfristig temporäre Inflationsspitzen

Zwischen März und April 2020 brach der Ölpreis ein. Die Sorte Brent fiel in den ersten vier Monaten des Jahres um mehr als 60 Prozent. Seitdem hat sich der Preis wieder erholt, er bewegt sich jedoch weiter unterhalb des Niveaus vor der Pandemie. Das bedeutet für 2021 einen äußerst günstigen Vorjahresvergleich. Verharrt der Brent-Preis auf seinem aktuellen Stand von 65 US-Dollar pro Barrel, werden Basiseffekte im Energiebereich die Gesamtinflation in den USA und dem Euroraum zwischen März und Mai anheizen. Zeitlich begrenzte Steuerregelungen im Zuge der Pandemie, insbesondere das Auslaufen der sechsmonatigen Mehrwertsteuersenkung in Deutschland, haben zudem eine gewisse Schwankung der Gesamtinflation bewirkt. Unterdessen gibt es Anzeichen für eine durch Kostendruck ausgelöste Inflation: Zum einen sind die Rohstoffpreise gestiegen, insbesondere für Getreide und industrielle Werkstoffe, was die Erwartung einer künftigen Nachfrageerholung widerspiegelt. Zum anderen könnten Lieferengpässe, die durch COVID-bedingte Belastungen verursacht wurden und voraussichtlich anhalten werden, während sich Unternehmen auf die Situation nach der Pandemie umstellen, in Kombination mit einer längerfristigen Abwertung des US-Dollars die Inflation ebenfalls befördern.

3. Inflationserwartungen bleiben im historischen Vergleich immer noch gering

Obwohl Basiseffekte und Kostendruck in der Regel für kurzlebige inflationäre Episoden sorgen, können sie sich auch langfristig auf die Inflationserwartungen auswirken. Nach dem derzeitigen Stand scheint dies im aktuellen Umfeld jedoch unwahrscheinlich. Zwar stiegen die marktbasierten Inflationserwartungen kürzlich an, da die Märkte von einer Reflation ausgehen – doch im historischen Vergleich ist das Niveau weiterhin relativ gering. Das gleiche gilt für umfragebasierte Maßnahmen. Obwohl einige Inflationsspitzen in diesem Jahr wahrscheinlich sind, könnten sie sich als vorübergehende Phänomene erweisen, während die zugrunde liegende Inflation durch die Erholung des Arbeitsmarktes eingedämmt wird.

4. Kurzfristige Aufwärtsrisiken, da sich gebeutelte Sektoren rasch erholen könnten

Während der Pandemie entwickelten sich die Inflationskomponenten äußerst uneinheitlich: Die Bereiche Lebensmittel und Gesundheit verzeichneten einen Anstieg, während Restaurants, Hotels, Freizeit und Transport rückläufig waren. Obwohl erstere wahrscheinlich stabil bleiben werden, könnten letztere rasch aufholen – oder den Erwartungen vorauseilen, sobald die Gefahr für die öffentliche Gesundheit abgewendet ist. Möglicherweise verlieren die Verbraucher ihre Sensibilität gegenüber Preisen, wenn sie Erfahrungen und Aktivitäten nachholen, die ihnen während des Lockdowns gefehlt haben. Die Verfügbarkeit von während der Krise angehäuftem Sparkapital sowie die Konjunkturmaßnahmen dürften die Nachfrage steigern.

5. Summa summarum: getrübtes Gesamtbild

Einige disinflationäre Kräfte, wie Demografie und Automatisierung, werden voraussichtlich weiter wirken. Andere Einflussfaktoren könnten sich wandeln, dazu zählen Globalisierung, das Kräfteverhältnis zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern, Umverteilungspolitik sowie Glaubwürdigkeit der Zentralbanken.

(Federated Hermes)

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