Wirtschaft

ESG mit neuer Dimension

Von Deepshikha Singh, Deputy Head of La Française Sustainable Investment Research & Head of Stewardship

AndreasAux / Pixabay

2022 stand das Thema ESG weiterhin im Mittelpunkt des Interesses. Aufgrund der wirtschaftlichen Turbulenzen, des Krieges in der Ukraine, der hartnäckig hohen Inflation und der sich ändernden Stimmung der Anleger, der Politik und der Regulierungsbehörden weltweit wurde der ESG-Bereich von Nachrichten, Kontroversen und Debatten überschattet. Als nachhaltige Investoren sitzen wir sozusagen zwischen den Stühlen: Fonds-Performance und Alpha-Generierung einerseits und neue Regularien und Richtlinien andererseits. Wir gehen davon aus, dass der Oberbegriff „ESG“ im Jahr 2023 eine völlig neue Bedeutung erhalten wird, die weit über die traditionellen Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien hinausgeht.

E – Evolution, Engagement und Environment

Der Begriff „ESG“ wurde 2022 kritisch hinterfragt. Während in den USA eine wachsende konservative Ablehnung von ESG-Investitionen zu beobachten war, werden steigende Energie- und Lebensmittelpreise die Frage nach Nachhaltigkeit versus Sicherheit weltweit weiter aufwerfen. Diese Entwicklungen müssen jedoch nicht als Gegenwind für ESG-Investitionen betrachtet werden. Im Gegenteil, sie dienen als Katalysator, den wir für den Wandel brauchen. ESG muss sich von einer Nischenstrategie zu einer übergreifenden Anlagephilosophie entwickeln. Wir erwarten, dass Vermögensverwalter, Unternehmen und Aufsichtsbehörden 2023 den Geltungsbereich von ESG ausweiten sowie die Regularien weiter verschärfen werden.

Für 2023 rechnen wir außerdem mit einer zunehmenden Konzentration auf Engagement und Stewardship unter den Investoren. Wenn Investoren einen bedeutenden Einfluss auf die Gesamtrendite und den Portfoliowert ausüben möchten, müssen sie als Partner mit den Unternehmen, in die sie investieren, agieren. Die begrenzten Ressourcen, die die Investmentbranche derzeit für Stewardship aufwendet, hindern Investoren daran, ihren Einfluss als aktive Aktionäre wirksam einzusetzen und langfristigen Wert zu schaffen. Um dies zu ändern, haben die Principles for Responsible Investing (PRI) ein „Resourcing for Stewardship“-Projekt ins Leben gerufen. Damit soll untersucht und bewertet werden, wie viele Ressourcen institutionelle Investoren bereit sein sollten, für Stewardship-Aktivitäten und für die Lösung systemischer Nachhaltigkeitsprobleme aufzuwenden. Die Zunahme von Gemeinschaftsinitiativen, die sich mit diesen Themen befassen – PRI Advance (Menschenrechte), Nature Action 100 (Biodiversität) – dürfte sich fortsetzen.

Ökologische Nachhaltigkeit ist nicht länger ein Synonym für Klimawandel. Inzwischen ist man sich einig, dass Klimaschutzmaßnahmen zum Scheitern verurteilt sind, wenn die negativen externen Effekte auf die biologische Vielfalt, Wasser und Abfall (Kreislaufwirtschaft) außer Acht gelassen werden. Die UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt im Dezember rückte die Natur ins Rampenlicht, während sich die COP27 speziell mit den Themen biologische Vielfalt und Wasser befasste. Die zweite und dritte Sitzung des zwischenstaatlichen Verhandlungsausschusses (INC) zur Ausarbeitung eines internationalen rechtsverbindlichen Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung der Plastikverschmutzung wird 2023 stattfinden. Ziel ist es, das Dokument bis Ende 2024 vorzulegen. Wir gehen davon aus, dass mehr Investitionen in Naturkapital und Strategien der Kreislaufwirtschaft sowie in deren Wechselwirkung mit dem Klimawandel fließen werden.

S – SDGs, Solidarität und Soziales

Die Investmentbranche interessiert sich zunehmend für die – positiven und negativen – Auswirkungen, die sie auf die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erzielen kann. Während Impact Investing darauf abzielt, eine positive soziale Rendite zu erzielen, die über die finanzielle Rendite hinausgeht, können herkömmliche Investitionen sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Das Erreichen der SDGs der Vereinten Nationen ist durch Impact Investing allein nicht möglich, daher ist die Beteiligung von Blended Finance für das Erreichen dieser Ziele unerlässlich. Dies wird 2023 voraussichtlich stärker berücksichtigt werden, und wir erwarten, dass mehr Finanzinstitute quantitative SDG-Analysen als Teil ihrer ESG-Strategien aufnehmen werden. Etwa 40 % der Anleger legen in ihren Portfolios Wert auf eine gewisse Form der SDG-Ausrichtung. Alpha- Generierung kann einhergehen mit der Bereitstellung von Gesundheitseinrichtungen in unterversorgten Regionen, Telekommunikationsinfrastruktur in ländlichen Gebieten und sauberer Energie in netzfernen Gemeinden. ESG-Ratings von Drittanbietern berücksichtigen nicht zwingend die positiven Auswirkungen, die ein Unternehmen auf die SDGs hat bzw. haben könnte, daher ist es für Vermögensverwalter wichtig, diese Lücken erkennen und identifizieren zu können.

Sowohl auf der COP27 als auch auf der COP15 wurde bekräftigt, wie wichtig die gemeinsame finanzielle Verantwortung für die Klimaanpassung in den am stärksten gefährdeten Regionen (Entwicklungsländer – Globaler Süden) und in den Ländern ist, die von den wirtschaftlichen Vorteilen der schnellen Industrialisierung profitieren (Industrieländer – Globaler Norden). Die COP27 endete mit der Schaffung eines „Loss and Damage Fund“ zur Unterstützung gefährdeter Länder. UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat sich für „einen Klimasolidaritätspakt eingesetzt, bei dem alle großen Emittenten zusätzliche Beiträge leisten, um die Emissionen dieses Jahrzehnts im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel zu reduzieren und Unterstützung für die Betroffenen zu gewährleisten“. Die Weltgemeinschaft bemüht sich, das Vertrauen des globalen Südens wiederherzustellen, der sich in gewisser Weise verraten fühlt, da die Industrieländer nicht einmal das Klimafinanzierungsziel von 100 Mrd. US-Dollar erreicht haben. Schwellenländer mit fossilen Brennstoffressourcen werden aufgrund des Klimawandels auf lebenswichtige Exporteinnahmen verzichten, was im Rahmen der Klimaverhandlungen zu Recht berücksichtigt werden sollte. Im dritten Jahr des „Aktionsjahrzehnts“ ist es wichtig, dass die öffentlichen und privaten Finanzströme in die Umsetzung von Übergangsprojekten weltweit fließen.

Die Bedeutung sozialer Aspekte bei nachhaltigen Investitionen hat in den letzten Jahren zugenommen. Fragen der Vielfalt, der Lohngleichheit und des Arbeitsschutzes stehen im Mittelpunkt des Engagements und der Aktionärsanträge auf den Jahreshauptversammlungen (HV). Für strategisch wichtige Sektoren des Klimawandels wie Bergbau und erneuerbare Energien sind Sicherheitsaspekte ein zentrales Thema. Mit dem Start von PRI Advance im Dezember erwarten wir für 2023 einen stärkeren Fokus auf Menschenrechtsfragen. In der EU könnte ein neuer Regulierungsentwurf alle Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten dazu verpflichten, alle drei Jahre über ihr geschlechtsspezifisches Lohngefälle zu berichten, bei Unternehmen mit 250 oder mehr Beschäftigten sogar jährlich. Insgesamt und bei gleicher Tätigkeit verdienen Frauen im Durchschnitt 13 % weniger als Männer. Wir hoffen, dass ein wachsendes Interesse an diesen Themen zu einem wirksameren Engagement und mehr Transparenz bei Unternehmen und Investoren führt.

G – Greenwashing, Gaps und Governance

Durch die zunehmende globale Emissionslücke, wurde 2022 begonnen schärfer gegen Greenwashing vorzugehen, was sich 2023 fortsetzen dürfte. Vermögensverwalter in Europa sahen sich gezwungen, ihre Fonds angesichts der sich abzeichnenden Unsicherheit in Bezug auf die SFDR neu zu klassifizieren. Im November 2022 veröffentlichten die Vereinten Nationen einen Empfehlungsbericht zur Verhinderung und Vermeidung von Greenwashing, auf den Unternehmen und Finanzinstitute gleichermaßen achten müssen. Großbritannien und die EU führen unabhängig voneinander eine Konsultation zum Thema Greenwashing durch, die diesen Januar beginnt. Die britische Financial Conduct Authority (FCA) wird ihre Konsultation zum Thema Greenwashing am 25. Januar 2023 starten und ihre Ergebnisse bis zum 30. Juni 2023 veröffentlichen. In Europa hat die Europäische Aufsichtsbehörde einen Aufruf zur Stellungnahme zum Thema Greenwashing veröffentlicht, mit dem die wichtigsten Themen, Risiken und Triebkräfte von Greenwashing ermittelt werden sollen. Die Antworten sind im Januar 2023 fällig, und der Abschlussbericht wird im Mai 2024 veröffentlicht. In der Zwischenzeit ist mit weiteren Greenwashing-Vorwürfen zu rechnen. Alle an geregelten Märkten in der EU notierten Unternehmen werden mit der Anwendung der Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) beginnen, durch die Vermögensverwalter mehr Klarheit über die Nachhaltigkeit von Unternehmen erhalten.

Trotz der Zusagen auf der COP27 und der COP15 geht der Kampf um die Emissionenbegrenzung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau immer noch in die „falsche Richtung“. Finanzierungslücken erschweren weiterhin die Klimaschutzmaßnahmen. Allein der weltweite Bedarf an grüner Infrastruktur beläuft sich auf etwa 5 Mrd. US-Dollar pro Jahr, aber nur 384 Mrd. US-Dollar werden derzeit bereitgestellt. In einem Bericht der Rockefeller Foundation in Zusammenarbeit mit der Boston Consulting Group heißt es, dass zwischen 2020 und 2025 jährlich rund 3,4 Mrd. US-Dollar für die Finanzierung des Klimaschutzes benötigt werden. Ohne die Einbeziehung Chinas in die Berechnungen benötigen die Entwicklungsländer ebenfalls rund 1 Mrd. US-Dollar an Klimafinanzierung pro Jahr. Die Daten deuten jedoch darauf hin, dass sie derzeit nur 27 % dieses Bedarfs erhalten. Gleiches gilt für die biologische Vielfalt, für die der Finanzierungsbedarf auf etwa 800 Mrd. US-Dollar pro Jahr geschätzt wird, während die weltweiten Aufwendungen derzeit bei 100 Mrd. US-Dollar liegen.

Governance wird auch 2023 ein zentrales Thema sein, allerdings werden Definition und Umfang derzeit überarbeitet. Die Investoren verlangen nicht mehr nur Kriterien für die Zusammensetzung des Vorstands und die Unabhängigkeit, sondern auch mehr Transparenz bei Themen wie Vergütung, Profil der Vorstandsmitglieder (Alter, Erfahrung, Amtszeit) und Verantwortlichkeit des Vorstands für ökologische und soziale Fragen. Die Vorstandsvergütung wurde während der Pandemie kritisch hinterfragt, als das Lohngefälle zwischen CEO und Arbeitnehmern exponentiell zunahm. Laut einer Umfrage der London Business School teilen 77 % der britischen Aktienanleger die Ansicht, dass die Vergütung der CEOs der FTSE 100 zu hoch ist. Während die Gehälter der Arbeitnehmer in den letzten Jahrzehnten nur sehr langsam gestiegen sind, ist die Vergütung der Vorstandsvorsitzenden laut Financial Times 2022 auf das 399-fache der Gehälter ihrer Mitarbeiter angestiegen. Investoren und Berater für die Stimmrechtsvertretung reagieren immer empfindlicher auf das „Overboarding“, d. h. zu viele Vorstands- oder Aufsichtsratsmandate. Die Investoren hinterfragen zunehmend die Nachhaltigkeitsleistung ihrer Unternehmen und nehmen die Vorstände in die Pflicht. Mit den „Say on Climate“-Vorschlägen haben die Aktionäre ein starkes neues Instrument erhalten, um das Management und die Vorstände für die Unternehmensstrategien und -pläne zum Klimarisikomanagement zur Verantwortung zu ziehen. Die Erwartungen an Aufsichtsräte und Vorstände in Bezug auf weitergehende Governance-Angelegenheiten werden weiterhin steigen.

Alex Edmans, Professor für Finanzen an der London Business School und einer der wichtigsten Autoren zu Nachhaltigkeitsthemen, schrieb im September 2022 in seinem Beitrag mit dem Titel „End of ESG“: „ESG ist sowohl extrem wichtig als auch nichts Besonderes. Langfristige Faktoren bei der Bewertung eines Unternehmens zu berücksichtigen, ist kein ESG-Investment, sondern ein Investment.“ 2022 wurde die ESG-Integration zum Mainstream. Wir glauben, dass „globale nachhaltige Investitionen“ 2023 eine neue Dimension erhalten werden. Neben der einfachen Integration von ESG-Bewertungen in die Portfoliokonstruktion werden Investoren gezwungen sein, die Auswirkungen ihrer Investitionen auf die Gesellschaft und die Umwelt in ihrer ganzen Tragweite zu berücksichtigen.

(La Française)

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