Wirtschaft

Der schlechte Ruf des Mai

Kaum ein Monat hat bei den Anlegern einen derart schlechten Ruf wie der Mai. Denn die Statistik zeigt, dass mit dem Mai eine bis September dauernde Phase beginnt, in welcher der Dax deutlich schlechter abschneidet als in der Zeit von Oktober bis April.

Mit 0,1% zeigt die schlechtere Dax-Jahreszeit im Vergleich zur guten Saison eine Underperformance von immerhin einem Prozentpunkt. So sieht jedenfalls die durchschnittliche Entwicklung des Index seit 1960 aus, wie die DZ Bank kürzlich in einer Studie gezeigt hat. Nicht nur das: Die Untersuchung hat auch gezeigt, dass sich die Underperformance in den zurückliegenden Jahrzehnten noch verstärkt hat. Der Höchstwert wurde seit dem Jahr 2010 mit 2,4 Prozentpunkten gemessen, gefolgt von den Jahren 2000 bis 2009 sowie 1990 bis 1999 mit 2,1 bzw. 1,4 Prozentpunkten. Kein Wunder, dass die berühmte Börsenweisheit: „Sell in May and go away“ so viel Beachtung findet.

Doch so einfach ist das nicht. Meistens kam es in der Vergangenheit im Sommer nicht zu einer ausgeprägten Korrektur, sondern zu einer Seitwärtsbewegung, so die DZ Bank. Zudem zählt der Juli zu den stärksten Börsenmonaten. Letztlich, so das Institut, gibt es für das Saisonmuster nur einen statistischen Beleg. Die Frage, warum die Regel zutrifft, sei nicht zu beantworten. Ursprünglich habe der Ansatz darauf mythologisiert, dass früher die New Yorker Markakteure im Sommer wegen der Hitze die Stadt verlassen hätten, um auf ihren Landsitzen am Meer die Freizeit zu genießen und damit auch dem damals durch Privatinvestoren bestimmten Börsenhandel fernzubleiben.

Nach dem Blick auf die Prägung des heutigen Börsenhandels, der zu 99% institutionell und auch im Sommer hoch liquide sei, sowie einschlägige Urlaubsstatistiken „dürfte sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, dass solche Bewegungen vielfach dem Zufall unterliegen“. Die angesichts der Komplexität des Marktgeschehens viel zu simple Sell-in-May-Regel, so die Bank, ist nicht dazu geeignet, das eigene Vermögen zu mehren.

Ein weiterer Fehler der Regel ist, dass der Saisoneffekt rückblickend messbar ist, niemals aber tatsächlich garantiert ist, dass die Underperformance wirklich eintreten wird. Zudem befindet sich der Markt in jedem Jahr in einer spezifischen Lage. Darauf verwies am Freitag die Helaba. Was für den langfristigen Durchschnitt aller Jahre gelte, treffe bei weitem nicht für jedes Jahr zu. Die Outperformance der Saisonstrategie gegenüber „Buy and Hold“ beim Dax sei vor allem darauf zurückzuführen, dass hierdurch die hohen Kursverluste wie während der Baissen der Jahre 1990, 2000 bis 2002 und zum Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 sowie im Zuge der Euro-Staatsschuldenkrise 2011 zu einem großen Teil hätten vermieden werden können. „Auch im letzten Jahr hätte es sich ausgezahlt, in dieser Phase bei Aktien kürzerzutreten“. Der Dax habe von Anfang Mai bis Ende September mehr als 15% eingebüßt. Die Gründe hierfür hätten aber in einer deutlichen Überbewertung gelegen.

Auf Basis der gängigsten Kennziffern seien deutsche Standardwerte damals ausgesprochen teuer bewertet gewesen. Gleichzeitig seien die Anleger sehr offensiv positioniert gewesen. In diesem Jahr seien Aktien dagegen trotz der Erholung der vergangenen Monate noch immer moderat bewertet. Zudem seien die Anleger eher zurückhaltend positioniert. Von einer Überhitzung seien Aktien weit entfernt. Angesichts der Erholungsanzeichen bei wichtigen konjunkturellen Frühindikatoren würden sich zudem wahrscheinlich die Gewinnperspektiven im weiteren Jahresverlauf wieder verbessern. Es bestehe derzeit somit kein Grund, sich von Aktien zu verabschieden.

Die Commerzbank rechnet mit einer Richtungsentscheidung im Mai oder Juni und verweist auf historische Muster. Auch in früheren Jahren mit einem schwachen Jahresauftakt – wie 1995, 2001, 2008 und 2009 – habe es häufig eine kurzfristige Zwischenerholung gegeben, die bis Mitte des zweiten Quartals angehalten habe. „Die Richtungsentscheidung fiel dann im Mai oder Juni, was auch 2016 passieren dürfte“. Seinen Optimismus für den Dax begründet das Institut jedoch nicht mit jahreszeitlichen Mustern, sondern mit der im Euroraum um 10% gewachsenen Geldmenge M1. Sie sei seit 1996 ein guter Indikator für die Entwicklung des Kurs-Buchwert-Verhältnisses (KBV) des Dax gewesen. So habe bei einem M1-Wachstum von 10% das KBV regelmäßig eher im Bereich von 1,6 gelegen, was einem Dax von 11200 entsprechen würde. Ein Abrutschen des Dax in Richtung seines Buchwerts, der aktuell bei 7000 Punkten liege, hab es nur in Jahren wie 2001, 2008 und 2011 gegeben, in denen die Geldmenge stagniert habe oder geschrumpft sei.

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