Investmentfonds

MiFID II schickt Analysten ins „Tal des Todes“

Seit MiFID II in Kraft getreten ist, bewirkt die Regelung eine tiefgreifende Veränderung in der Asset Management-Branche.

MIFID II sorgt für schwere Zeiten für Analysten

 

Die neue Verordnung sorgt zwar insgesamt für mehr Transparenz zugunsten der Privatanleger, gefährdet aber auch hunderte von Arbeitsplätzen für Analysten. Deren Dienstleistung darf nicht mehr gebündelt mit kommissionspflichtigen Leistungen angeboten werden, wenn die Zahlung direkt aus dem Mandat erfolgt und keine eindeutige Zuordnung der Kosten möglich ist.

Dieser Vorgabe begegnen die Vermögensverwalter, indem sie die Kosten für Research selbst übernehmen. Damit rücken neben Transparenz auch Effizienz und Qualitätsanspruch in den Vordergrund – nur hochdifferenziertes Research soll entsprechend den konkreten Bedürfnissen der Endkunden in die Anlageentscheidungen einfließen. Konsequenterweise sind viele Dienste der Investmentbanken und ihrer Brokerhäuser in den vergangenen Monaten abbestellt worden, wenn zuständige Portfoliomanager keinen konkreten Nutzen darin erkennen konnten.

Einsparungen in Milliardenhöhe

Schon zuvor hatte die Unternehmensberatung McKinsey & Co. davor gewarnt, dass Banken rund 1,2 Milliarden Dollar an Ausgaben in diesem Bereich streichen werden. Man hat errechnet, dass die zehn größten Banken der Sell-Side (Investment Banking) rund 4 Milliarden Dollar jährlich für das Publizieren ihrer Analysen ausgeben. Diese Summe werde nun um etwa 30 Prozent schrumpfen – mit schwerwiegenden Folgen für die Jobs der Analysten. Auf Anbieterseite, so die Unternehmensberatung Oliver Wyman, könnten sich die Einbußen sogar bis auf zwei Milliarden Dollar aufsummieren. Es drängt sich der Gedanke auf, dass MiFID II für einige Bereiche der Industrie ein „Tal des Todes“ geschaffen hat, aus dem besonders der Berufsstand der Analysten nur schwer wieder heraus finden wird.

Beispielsweise erwartet auch Christian Bacher, Vorstand der Baader Bank, dass unabhängige Research-Analysten bei Vermögensverwaltern an Bedeutung gewinnen werden. In einem Interview betonte er: „Sie müssen aber flexibler sein als in der Vergangenheit und vor allem bedarfsorientierter produzieren. Sie müssen versuchen, das eigene Research zu positionieren und zu vermarkten.“ Bacher schreibt den Analysten ins neue Anforderungsbuch: „Man muss in der Lage sein, ein proprietäres, diskretionäres Research zu erstellen. Mit der Kommentierung, wie die Zahlen eines Unternehmens relativ zu Konsens und Historie ausgefallen sind, wird man in Zukunft keinen Blumentopf mehr gewinnen.“

Eigenverantwortung und Mehrwert schaffen – und das zu angemessenen Preisen

Hohe Qualität, Flexibilität, unabhängiges Denken, Nischen besetzen, Mehrwert schaffen – und das zu angemessenen Preisen. Das scheinen die Bausteine der neuen Zauberformel für Analysten zu sein. Nach einer Untersuchung von Integrity Research Associates sind größere und mittelgroße Asset Manager durchaus bereit in externe Analysen zu investieren, dies aber nur punktuell und für spezielle Bereiche wie Small- und Midcaps, einzelne Branchen oder Länder. Der Grund: Mit echtem Spezialwissen der Analysten erhöhen sie ihre eigene Möglichkeit, Alpha für ihre Kunden zu generieren.  Genau darin liegt auch die Chance für Analysten, aus dem Tal des Todes wieder herauszukommen.

Dichtes Netzwerk unabhängiger Spezialisten

Für die Analysten in der EU bietet es sich an, nach dem Muster des asiatischen und angelsächsischen Marktes ein dichtes Netzwerk unabhängiger Anbieter zu entwickeln. In Asien und hat sich schon länger eine Alternative außerhalb der hier bisher praktizierten Bündelung etabliert. Ursprünglich angetrieben von den Forderungen der Hedge-Fonds nach differenzierten Analysen zur Alpha-Generierung setzen dort ansässige traditionelle Vermögensverwalter längst auf die Vorzüge von banken- und emittenten-unabhängigem externen Research. Dieser Trend ist dank der Digitalisierung und Entwicklung cloudbasierter Plattformen für den Informationsaustausch zu einem neuen, tragfähigen Geschäftsmodell auch für einzelne, in ihrem Gebiet renommierte Analysten geworden.

Die vor vier Jahren gegründete Smartkarma hat dabei eine führende Rolle eingenommen. Sie bringt Investoren und Anbieter von unabhängigem Research in einem kollaborativen Ökosystem zusammen, das compliance-konform Zugriff auf hochdifferenziertes Research im Rahmen eines fairen Pricing-Modells bietet. Asset Manager müssen daher Analyse-Expertise nicht über Festanstellungen gewährleisten, sondern greifen fallbasiert auf echtes Expertenwissen zu. Außerdem erhalten sie Research, das nicht von Interessenkonflikten belastet ist. Vor allem aktiven Managern kann die digitale Organisation einer Research-Plattform entscheidende Kostenvorteile bringen.

Neue Modelle setzen Investmentbanken unter Druck

Trotz aller negativen Folgen durch MiFID II für einzelne Bereich in der Finanzindustrie gibt es auch einen positiven Paradigmen-Wechsel beim Einsatz von Research: Research wird nicht mehr verkauft, sondern bedarfsgebunden gekauft. Die negativen Folgen spüren vornehmlich die Investmentbanken, denn nach einer letztjährigen Umfrage des CFA-Instituts ist die Mehrheit der Vermögensverwalter dabei, sell-side Research durch eigene oder externe Alternativen zu ersetzen.

Das neue Regelwerk fördert aber auch eine allgemeine Verbesserung der Qualitätsstandards und damit eine Verbesserung der Investmententscheidungen, die dann hoffentlich bei den Privatanlegern wieder eine breitere Akzeptanz der Investmentindustrie bewirkt. Investmenthäuser sollten wieder mehr darauf achten, dass sie Raum lassen für neue unabhängige Quellen. Denn Transparenz und ein breiter Zugang zu Research sind die zentrale Voraussetzung dafür, dass Investoren informierte Anlageentscheidungen treffen können. Alles andere ginge zulasten der Anleger.

(Smartkarma)

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