Investmentfonds

Konjunktur mit Sand im Getriebe

Von Olivier de Berranger, CIO bei LFDE

geralt / Pixabay

Nach sieben Monaten pausenlosen Anstiegs erlitten die Aktienmärkte im September weltweit einen Rückschlag.(1) Gibt es nun Anlass zur Sorge? Innerhalb weniger Wochen scheint die Risikobereitschaft der Anleger abgeflaut zu sein – und dafür gibt es mehrere Gründe.

Notenbanken bereiten Märkte auf allmähliche Straffung vor

Die Fed erwägt die allmähliche Beendigung ihrer lockeren Geldpolitik, nachdem sie die Märkte zuvor behutsam auf diese Möglichkeit vorbereitet hatte. Sie dürfte zunächst ihre Wertpapierkäufe drosseln und anschließend das Niveau der Leitzinsen anpassen. Die Europäische Zentralbank geht in die gleiche Richtung, wenngleich andere Worte gewählt werden: Es handelt sich nunmehr um eine „Rekalibrierung“ der pandemiebedingten Notmaßnahmen. Die Zentralbanken werden ihre Kaufprogramme allmählich auslaufen lassen. Die Märkte haben dies sehr wohl verstanden, wie sich an den seit Wochen steigenden langfristigen Zinssätzen ablesen lässt.

Inflation nachhaltiger als erwartet

Die von den Zentralbanken (zu?) lange als vorübergehend betrachtete Inflation erweist sich als nachhaltiger, als ursprünglich angenommen. Der Boom im Zuge der Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit sorgte für zahlreiche Engpässe, höhere Rohstoffpreise und zum Teil erhebliche Lieferverzögerungen – und die Dauer und das Ausmaß dieser Preisanstiege erzeugen allmählich Nebenwirkungen. Die Inflation ist nun ausreichend nachhaltig, um das Verhalten der Wirtschaftsakteure zu verändern. Die Unternehmen können den Kostenanstieg nicht mehr vollständig durch vorübergehend verringerte Margen auffangen. Dies kommt allmählich bei den Kunden an. Die Haushalte spüren immer stärker, wie sich die gestiegenen Preise für zahlreiche Waren und Dienstleistungen auf ihre Kaufkraft auswirken. Die Folge sind Tarifverhandlungen an einem sich normalisierenden Arbeitsmarkt, an dem einige Segmente unter den durch die Coronakrise verursachten Ungleichgewichten leiden.

Wachstum gerät ins Stocken

Nach dem Boom im Zuge der Wiederbelebung der Wirtschaft stabilisiert sich die Konjunktur nun schrittweise. Dies war absehbar, ihre Verlangsamung hingegen nicht. Bereits seit Wochen korrigieren Ökonomen und supranationale Organisationen ihre Wachstumsprognosen für 2021 und 2022 nach unten. Ein weiteres Sandkorn im Getriebe für die Anleger, das ihre Risikobereitschaft zusätzlich dämpft.

Stillstand noch lange nicht in Sicht – trotz politischer Spannungen

Auch auf der politischen und geopolitischen Ebene ist die Lage problematisch, was hauptsächlich durch drei Faktoren bedingt ist: Erstens erschwert das Ende der Gesundheitskrise die Erzielung eines Konsens in den einzelnen Ländern. Zweitens scheinen die Spannungen insbesondere zwischen den beiden Großmächten USA und China zuzunehmen. Drittens mischen sich die Staaten immer stärker in die Wirtschaft ein. Der gemeinsame Nenner ist hierbei die Verringerung der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit.

Dennoch ist der Motor nicht vollständig ins Stocken geraten. Es gibt noch Rädchen, die gut geschmiert sind. Das Gesundheitsrisiko geht insbesondere in Ländern mit hoher Impfquote zurück. Trotz zweistelliger Aktienmarktperformance sind die Unternehmensbewertungen dank des deutlich höheren Gewinnwachstums wieder attraktiver geworden. An den Börsen läuft es zwar nicht ganz rund, doch ein Stillstand ist noch lange nicht in Sicht. Die Euphorie nach der Wiederbelebung der Wirtschaft scheint allerdings verflogen. Ob dies gut oder schlecht ist, wird sich noch zeigen müssen.

(LFDE)

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