Nachhaltigkeit

Nahrungsmittel: Steigender Proteinbedarf verlangt nach neuen ökologischen Lösungen

Ein Kommentar von Jörg Dehning, Analyst für den Sektor Food & Beverage bei der DJE Kapital AG sowie Fondsmanager des DJE – Agrar & Ernährung

Was essen wir in Zukunft?

Chinas Schweinefleischkonsum ist ersten Schätzungen zufolge im ersten Halbjahr 2019 gegenüber dem Vorjahr um 10 bis 15 Prozent gesunken. Das mag manchen verwundern, galt doch gerade China in Sachen Fleischnachfrage in den letzten Jahren als unersättlich. Ausschlaggebend für den Rückgang war allerdings auch nicht der mangelnde Appetit nach Fleisch. Stattdessen hat die „Afrikanische Schweinepest“ viele Verbraucher im Reich der Mitte verschreckt. Zur Eindämmung der Krankheit wurden Marktbeobachtern zufolge landesweit etwa 40 Prozent der Zuchtschweine gekeult. Trotzdem konnte nicht verhindert werden, dass die Krankheit inzwischen auch in den asiatischen Nachbarstaaten mehr oder weniger stark grassiert. So ist es nicht verwunderlich, dass zuletzt ein großer Teil des zusätzlichen Proteinbedarfs durch den Verzehr von Geflügel und Zuchtfisch gedeckt wurde.

Fischzucht expandiert, muss aber nachhaltiger werden

Während die Weltmeere schon weitgehend überfischt wurden, weitete vor allem die Aquakultur-Industrie das Angebot in den letzten Jahren kontinuierlich aus. Allein in Indonesien hat sich seit dem Jahr 2009 das Produktionsvolumen in der Fischzucht auf 31,9 Millionen Tonnen fast versiebenfacht. Zu recht wird aber auch hier die Ökobilanz kritisiert, nutzen schließlich viele Aquakultur-Betriebe im Fischfutter ebenfalls Fischmehl und Fischöl. Das Problem der Überfischung wurde in den letzten Jahren entsprechend kaum gemindert. Dank des relativ niedrigen Preisniveaus weichen mittlerweile viele Fischfarmer auf Sojabohnenmehl aus. Deren Fettsäuren-Profil ist allerdings ungenügend. Deshalb sind ganz neue Lösungsansätze gefragt.

Alternative Lösungen verbessern Ökobilanz

Der Ersatz von Fischmehl durch Insektenmehl sowie der Einsatz von Algen- statt Fischöl scheinen vor diesem Hintergrund die interessantesten Optionen zu sein. So sind seit Mitte 2017 in der Europäischen Union insgesamt sieben Insektenarten zur Verwendung in Fischfutter zugelassen. Gleich mehrere Großanlagen zur Produktion von Insektenmehl auf Basis der „Schwarzen Soldatenfliege“ gehen im laufenden Jahr in Betrieb. Die aus Florida stammende „Schwarze Soldatenfliege“ ist insbesondere aufgrund ihrer Virenresistenz interessant. Damit erfüllt sie wichtige Voraussetzungen der Lebensmittelsicherheit. Zudem sind Insekten mit Blick auf den Ausstoß von Treibhausgasen sowie den Flächen- und Wasserverbrauch nahezu unschlagbar.

Ähnlich verhält es sich bei der Produktion von Proteinen beziehungsweise Fettsäuren aus Algen. Neben Sonnenlicht und CO2 benötigen Mikroalgen zur Anzucht nur anorganische Nährstoffe wie Phosphat und Stickstoff. Zudem verbrauchen sie im Vergleich zu Landpflanzen weniger Wasser sowie keine landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die Verwertung der Restbiomasse als Dünger oder als weitere Energiequelle hilft, die Produktionskosten zusätzlich zu reduzieren.

Innovative Fischzucht an Land spart lange Transportwege

Innovative Wasserkreislaufsysteme (RAS-Systeme) ermöglichen darüber hinaus mittlerweile die professionelle Shrimps- und Fischzucht an Land. Während bisher der Lachs von Chile beziehungsweise Norwegen in die USA oder nach China eingeflogen werden musste, könnten zukünftig landbasierte Fischfarmen weite Transportwege zum Kunden überflüssig machen. Zwar sind die notwendigen Investitionsvolumen beträchtlich – so verschlingen die derzeit anlaufenden US-Projekte jeweils bis zu 400 Millionen US-Dollar. Jedoch dürfte sich der Kapitaleinsatz angesichts der Frachtkosteneinsparung von etwa zwei US-Dollar je Kilogramm und des möglichen Premium-Preises im Handel langfristig rechnen. Ein Teil der US-Lachse ist bereits vorab an einen großen Handelskonzern verkauft. Schließlich sind regional und nachhaltig produzierte Lebensmittel auch vom Konsumenten zunehmend gefragt.

Pflanzenbasierter Fleischersatz gehört zum neuen Lifestyle

Die aktuelle Diskussion um die fortschreitende Klimaerwärmung und diverse Tierwohl-Initiativen werden immer mehr Konsumenten anregen, Wert auf eine bewusste und nachhaltige Ernährung zu legen. Dieser Trend verlangt daher auch von den börsennotierten Nahrungsmittelkonzernen ein Umdenken. Dem Marktforschungsunternehmen Mintel zufolge billigen inzwischen 53 Prozent der US-Verbraucher pflanzenbasierten Nahrungsmitteln gegenüber den tierisch erzeugten Vergleichsangeboten eine bessere Ökobilanz zu. Dabei sind es wohl nicht nur Veganer, die den neuen Lifestyle massentauglich machen. Anders ist der Hype um die neuen pflanzenbasierten Burger in den USA nicht zu erklären. Der auf Basis von Erbsen- beziehungsweise Sojaproteinen erzeugte Fleischersatz hält dort nicht nur Einzug in die Supermärkte. Sogar führende Fastfood-Burger-Filialketten haben die fleischlose Alternative jüngst ins Sortiment aufgenommen. Schon arbeiten weitere „Foodtech“-Firmen an der Entwicklung von pflanzenbasierten Thunfisch- beziehungsweise Shrimps-Ersatzprodukten. Sollten auch diese den Geschmack der Verbraucher treffen, könnte womöglich der in die Kritik geratene Thunfischwildfang zukünftig stärker eingeschränkt werden.

Bio-Anbau unter Kunstlicht ist nachhaltig, aber noch nicht effizient genug

Aber selbst die Ökobilanz mancher Bio-Produkte wird zunehmend in Frage gestellt. So dürfte es jedem klar sein, dass Bio-Kartoffeln aus Ägypten im Hinblick auf die Ökobilanz weniger gefragt sein sollten. Städtische Gewächshäuser mit Kunstlicht werden daher gerne als Lösung der Zukunft präsentiert. Der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und der reduzierte Dünger- und Wassereinsatz machen das Konzept durchaus attraktiv. Leider führen die hohen Energiekosten aktuell noch zu einem Kostennachteil von 200 bis 300 Prozent – was bislang nur in Städten wie Tokio oder New York durch höhere Absatzpreise profitabel aufgefangen werden kann. Möglicherweise lässt sich aber auch hier mittels intelligenter Kreislaufsysteme mittelfristig eine verbesserte Effizienz erreichen.

Fazit: Anleger sollten auf Innovationen mit positiver Ökobilanz setzen

Eines ist jedenfalls gewiss: knappe Ressourcen, die wachsende Weltbevölkerung, Umweltprobleme, Klimaveränderungen, Überfischung – all diese Faktoren haben Auswirkungen auf die Produktion von Lebensmitteln. Unter dem Stichwort „Foodtech“ wird daher mehr denn je nach neuen Wegen in der Nahrungsmittelproduktion gesucht. Dies bietet entsprechende Chancen für den Anleger. Zukünftig erscheinen insbesondere jene Unternehmen im Lebensmittel- und Agrarsektor interessant, die innovative Lösungen in der Produktion oder bei der Futtermittelherstellung anbieten. Das zunehmende gesellschaftliche Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Gesundheit sollte im Vordergrund jeder neuen Produkteinführung stehen. Auch die Berücksichtigung der sogenannten ESG-Kriterien (Environment/Social/Governance) wird die Entwicklung sicherlich mitbestimmen – und sollte bei der Aktienauswahl folglich einbezogen werden.

(Dr. Jens Ehrhardt Gruppe)

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