Wer in den vergangenen Jahren in den Gesundheitssektor investiert war, brauchte gute Nerven. Während der MSCI World Health Care per Mitte 2026 auf Dreijahressicht rund sieben Prozent Rendite pro Jahr erzielte, kam der MSCI World auf fast 20 Prozent. Für einen Sektor, der lange als Inbegriff defensiven Qualitätswachstums galt, ist diese Lücke bemerkenswert.
Drei verlorene Jahre, aber kein gebrochener Investmentcase
Die Gründe für die Underperformance liegen zunächst im Pandemie-Basiseffekt. Covid-19 hatte der Branche eine Sonderkonjunktur bei Impfstoffen, Tests, Beatmungsgeräten, Laborausrüstung und Diagnostik beschert. Ab 2022 wurde daraus ein Bremsklotz: Unternehmen wie Pfizer, Moderna, Roche oder Sartorius mussten deutliche Umsatzrückgänge verdauen. Der Markt bestrafte dabei weniger schlechte Geschäftsmodelle als überzogene Erwartungen.
Verstärkt wurde dies durch die Kapitalrotation in Richtung Künstlicher Intelligenz. Seit Ende 2022 zieht das KI-Thema Mittel aus vielen anderen Sektoren ab. Pharma und Medizintechnik wurden dadurch vom Kerninvestment vieler globaler Portfolios zum Randthema; die Untergewichtung institutioneller Anleger erreichte historische Ausmaße.
Politik bleibt der größte Bewertungsfaktor
Kein Faktor hat die Bewertungen jedoch so nachhaltig belastet wie das Politikrisiko, vor allem in den USA. Der Inflation Reduction Act brachte erstmals Preisverhandlungen für Medicare-Medikamente. Die zweite Trump-Administration verschärfte den Druck im April 2026 mit Zöllen von 100 Prozent auf patentgeschützte Pharmaimporte – es sei denn, Unternehmen schließen Most-Favored-Nation-Preisabkommen mit der Regierung und sagen US-Produktion zu.
17 der größten Pharmakonzerne haben solche Vereinbarungen bereits unterzeichnet, darunter Eli Lilly, Pfizer und Novo Nordisk. Das Damoklesschwert ist kleiner geworden, verschwunden ist es aber nicht: Ab 2028 drohen Zölle auf Generika, während in Europa und Deutschland der Preisdruck ebenfalls zunimmt.
Demografie und Innovation tragen das strukturelle Wachstum
Während die Kurse stagnierten, blieben die fundamentalen Wachstumstreiber intakt. Das stärkste Argument ist die Demografie. Die OECD-Länder gaben 2024 im Schnitt 9,3 Prozent ihres BIP für Gesundheit aus; bis 2045 sollen die öffentlichen Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum BIP im Durchschnitt um 1,5 Prozentpunkte steigen – getrieben von Alterung, technologischem Fortschritt und höheren Erwartungen an die Versorgung.
Hinzu kommt die Innovationsdynamik. Die GLP-1-Klasse erschließt mit Adipositas, Herz-Kreislauf-, Nieren- und möglicherweise neurodegenerativen Indikationen neue Märkte. Daneben gewinnen Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, Radiopharmazeutika, Zell- und Gentherapien sowie KI-gestützte Wirkstoffentwicklung an Bedeutung.
Auch in der Medizintechnik verschiebt sich die Wertschöpfung von Hardware zu Plattformen: OP-Robotik, kontinuierliches Monitoring, Neurotechnologie und KI-Diagnostik schaffen wiederkehrende, softwareähnliche Erlösströme. Der globale Medizintechnikmarkt wird für 2026 auf rund 570 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll bis 2035 auf mehr als 800 Milliarden wachsen.
KI könnte vom Belastungsfaktor zur Produktivitätsstory werden
Künstliche Intelligenz hat dem Gesundheitssektor an der Börse bislang vor allem geschadet, weil sie Kapital in Richtung Technologie umlenkte. Fundamental könnte sie aber helfen, die Kostenexplosion zu begrenzen. Eine Studie von McKinsey- und Harvard-Forschern beziffert das Einsparpotenzial durch breitere KI-Adoption allein im US-Gesundheitswesen auf fünf bis zehn Prozent der Ausgaben – rund 200 bis 360 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Systemrelevanz schafft Nachfrage – und Regulierung
Gesundheitssysteme stehen in den OECD-Ländern für rund ein Zehntel der Wirtschaftsleistung und Beschäftigung; Gesundheitsausgaben machen bereits 15 Prozent der öffentlichen Ausgaben aus. Die USA geben über 17 Prozent ihres BIP für Gesundheit aus, Deutschland rund zwölf Prozent und damit EU-weit den höchsten Anteil.
Diese Systemrelevanz ist zugleich die Achillesferse des Investmentcase. Wer überwiegend von öffentlichen Kassen bezahlt wird, bleibt dauerhaft im Fokus der Fiskalpolitik. MFN-Deals in den USA, Herstellerabschläge in Deutschland und Preisreferenzierung in Europa sind Teil der Geschäftsgrundlage und müssen von Investoren eingepreist werden.
Bewertung und M&A sprechen für einen zweiten Blick
Die entscheidende Frage lautet deshalb, ob Anleger für diese Risiken ausreichend bezahlt werden. Die Antwort fällt heute positiver aus als noch vor drei Jahren. Der MSCI World Pharmaceuticals handelt mit einem Forward-KGV von rund 17, der MSCI World Gesamtindex bei gut 20. Ein Sektor, der historisch meist mit Prämie notierte, ist heute mit einem Abschlag von zehn bis 15 Prozent zu haben.
Innerhalb des Sektors bleibt die Spreizung hoch. US-Pharmakonzerne mit Patentklippenrisiko handeln teils zu einstelligen KGVs, Novo Nordisk nach dem Kurssturz auf dem niedrigsten Bewertungsniveau seit einem Jahrzehnt. Zugleich zeigt die M&A-Aktivität den inneren Wert der Branche: Das Biopharma-M&A-Volumen erreichte im ersten Quartal 2026 bereits 84 Milliarden US-Dollar.
Fazit
Geduld könnte wieder belohnt werden
Pharma und Medizintechnik kombinieren erstmals seit Jahren wieder mehrere interessante Eigenschaften: Bewertungsabschlag, intakte strukturelle Wachstumstreiber, reduzierte politische Unsicherheiten und eine M&A-Dynamik, die Bewertungsböden einziehen kann. Entscheidend bleiben allerdings belastbare Pipelines, wiederkehrende Erlöse, Preissetzungsmacht und die Fähigkeit, Innovation in profitables Wachstum zu übersetzen.
Gerade weil der Sektor zuletzt wenig geliebt war, lohnt sich der zweite Blick. Attraktive Risiko-Rendite-Verhältnisse entstehen selten dort, wo Anleger bereits übermäßig optimistisch sind.






























