Argentinien befindet sich in einer außergewöhnlichen Übergangsphase. Dieser Ansicht ist James Donald, Portfoliomanager/Analyst und Leiter der Emerging-Markets-Plattform von Lazard Asset Management. Nach dem klaren Sieg von Präsident Javier Milei bei den Zwischenwahlen im Oktober 2025 verfüge die Regierung über ein deutlich gestärktes politisches Mandat. Entscheidend sei nun, ob dieses Momentum in nachhaltige makroökonomische Stabilität und dauerhaften Marktzugang übersetzt werden könne.
„Wir sehen ein Zeitfenster von zwölf bis achtzehn Monaten, in dem strukturelle Reformen verankert werden müssen“, erklärt Donald. „Gelingt das, könnte Argentinien in eine neue Phase eintreten. Bleibt die Umsetzung halbherzig, droht erneut ein Vertrauensverlust.“
Inflation und Fiskalpolitik: Glaubwürdigkeit kehrt zurück
Besonders bemerkenswert sei der Rückgang der Inflation. Die monatliche Teuerungsrate sei von rund 20 Prozent zu Beginn der wirtschaftlichen Anpassungsphase Anfang 2024 im Zuge der Reformen auf etwa 2 Prozent bis Ende 2025 gesunken. Damit habe sich das Inflationsumfeld in relativ kurzer Zeit deutlich stabilisiert.
Parallel dazu habe die Regierung erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt einen Primärüberschuss erzielt, also mehr eingenommen als ausgegeben. Zuvor hatten massive Haushaltsdefizite – zeitweise im zweistelligen Bereich gemessen am BIP – das Vertrauen der Investoren belastet. Die fiskalische Konsolidierung werde von den Märkten als zentrales Signal gewertet, dass die Reformpolitik mehr sei als nur Rhetorik. „Die Kombination aus sinkender Inflation und Haushaltsdisziplin ist die Grundlage für dauerhaft niedrigere Finanzierungskosten“, so Donald. „Ohne diese beiden Faktoren wäre jede Marktberuhigung nur temporär.“
Peso und Reserven: Der nächste Härtetest
Dennoch bleibe die makroökonomische Lage fragil. Argentinien sei mit Nettowährungsreserven nahe Null und rund 20 Milliarden US-Dollar an anstehenden Schuldverpflichtungen in das Jahr 2026 gestartet. Allein im Januar mussten 4,3 Milliarden US-Dollar bedient werden, weitere 4,5 Milliarden werden im Juli fällig.
Ein weiteres zentrales Problem sei die zuvor bestehende Überbewertung des Peso gewesen: „Während der Wechselkurs monatlich nur um 1 Prozent abgewertet wurde, lag die Inflation darüber, was den Druck auf die Wettbewerbsfähigkeit erhöhte“, so Donald. Inzwischen habe die Zentralbank den Anpassungsmechanismus flexibilisiert und sich verpflichtet, bis Ende 2026 Währungsreserven in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar aufzubauen. „Die Glaubwürdigkeit des Wechselkursregimes ist entscheidend“, betont der Experte. „Nur wenn Reserven aufgebaut und der Peso realistisch bewertet wird, kann das Vertrauen internationaler Investoren stabil bleiben.“
Spreads auf Zielniveau – aber was folgt?
Für Anleiheinvestoren besonders relevant sei die Entwicklung der Risikoaufschläge. Die Spreads argentinischer Staatsanleihen hätten Ende Januar 2026 rund 500 Basispunkte über US-Staatsanleihen gelegen – ein Niveau, das Wirtschaftsminister Luis Caputo selbst als Schwelle für eine Rückkehr an den internationalen Kapitalmarkt genannt hatte.
Noch sei unklar, ob die Regierung dieses Fenster kurzfristig nutzen werde. Zwar seien alternative Finanzierungsquellen verfügbar, doch ein Abwarten berge Risiken. „Das aktuelle Spread-Niveau signalisiert, dass der Markt die Reformfortschritte anerkennt“, so Donald. „Aber das globale Umfeld kann sich schnell ändern. Ein gesicherter Marktzugang wäre ein starkes Signal für die Dauerhaftigkeit der Stabilisierung.“
Wachstumsperspektiven: Energie als Gamechanger
Mittelfristig werde die Tragfähigkeit der Reformpolitik maßgeblich vom realwirtschaftlichen Wachstum abhängen. Besonders im Energiesektor zeichne sich ein erhebliches Potenzial ab. Die Exporterlöse aus Öl und Gas könnten bis 2030 von rund 10 Milliarden auf mehr als 35 Milliarden US-Dollar steigen.
Auch Lithium-, Gold- und Agrar-Exporte dürften deutlich zulegen. So werde für Lithium und Gold in den kommenden vier Jahren ein Wachstum von rund 60 Prozent erwartet. Die Energiebranche gelte jedoch als klarer Hebel für eine strukturelle Verbesserung der Handelsbilanz. „Sollten sich diese Projektionen realisieren, würde sich Argentiniens Schuldentragfähigkeit fundamental verbessern“, sagt Donald. „Das wäre der entscheidende Unterschied zu früheren Reformzyklen.“
Fazit: Hohes Risiko, asymmetrisches Potenzial
Zusammenfassend sieht Donald Argentinien weiterhin als Hochrisikomarkt, doch das Verhältnis zwischen potenzieller Rendite und bereits eingepreistem Risiko habe sich spürbar verschoben. Die Reduktion der monatlichen Inflationsveränderung von 20 Prozent auf 2 Prozent, das Erreichen eines Primärüberschusses und die Rückkehr der Spreads auf rund 500 Basispunkte seien klare Fortschritte.
Ob daraus eine nachhaltige Neubewertung entstehe, hänge nun von politischer Disziplin, Reserveaufbau und Reformumsetzung ab. „Argentinien ist kein defensives Investment“, resümiert er. „Aber wenn die Reformagenda durchgehalten wird, könnte sich das aktuelle Umfeld im Rückblick als strategisches Einstiegsfenster erweisen.“
































