Das deutsche Gesundheitssystem ist historisch stark auf die Behandlung von Krankheiten ausgerichtet. Dabei zeigt sich sowohl in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) als auch in der privaten Krankenversicherung (PKV) ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Präventionsmaßnahmen und Heilbehandlungen. Der Beitrag zeigt im Folgenden, welche gesundheitsfördernden Leistungen (z. B. Check-ups, Impfungen, Präventionskurse) in PKV-Tarifen vorkommen und welche Anreize (z. B. Beitragsrückerstattung) die Nutzung beeinflussen.
PRÄVENTION IM DEUTSCHEN GESUNDHEITSSYSTEM
In Anlehnung an das Robert Koch-Institut (RKI) wird Prävention im Folgenden als Gesamtheit von Aktivitäten verstanden, die darauf abzielen, das Auftreten von Erkrankungen zu verhindern, deren Eintritt zu verzögern oder ihre Wahrscheinlichkeit zu verringern. Heilbehandlungen umfassen demgegenüber Maßnahmen, die erst nach Eintritt einer Erkrankung einsetzen. Obwohl Prävention langfristig Kosten senken und die Lebensqualität verbessern kann, wird sie im System bislang deutlich geringer gewichtet.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) und der Gesundheitsberichterstattung des RKI entfielen in den Jahren vor der Corona- Pandemie (langfristig bis 2020) im Bereich „Prävention und Gesundheitsschutz“ nur etwa vier Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben auf entsprechende Maßnahmen. In den Jahren 2021 und 2022 stieg der Anteil zeitweise deutlich an (bis zu 8,5 %), was vor allem auf pandemiebedingte Sonderausgaben zurückzuführen war. Mit dem Auslaufen der Corona-Maßnahmen ging der Anteil wieder zurück.
Auch in der PKV zeigt sich dieses Verhältnis: Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV-Verband) berichtet im Rahmen seines Präventionsengagements, dass er jährlich rund 22 Millionen Euro in die lebensweltbezogene Prävention investiert, unter anderem über Programme, Kooperationen und Projekte zur Gesundheitsförderung in Kitas, Schulen, Kommunen oder Pflegeeinrichtungen. Der wesentliche Teil der PKV-Leistungen entfällt jedoch weiterhin auf die Krankheitskostenversicherung, die überwiegend medizinisch notwendige Heilbehandlungen umfasst. So lagen die Ausgaben dafür nach GDV-Statistik zur Versicherungswirtschaft bei 33 Milliarden Euro im Jahr 2024 und wiesen damit ein deutlich höheres Ausgabenvolumen aus als Präventionsmaßnahmen.
PRÄVENTION IN DER PKV: ERGÄNZUNG STATT GEGENGEWICHT
Diese strukturelle Dominanz der Heilbehandlung bedeutet jedoch nicht, dass Prävention in der PKV keine Rolle spielt. Präventionsanreize wirken dabei weniger „systemisch“ als in der GKV, sondern vor allem über individuelle Verträge und die konkrete Tarifgestaltung.
Ein zentrales Element sind Beitragsrückerstattungen, die fester Bestandteil vieler PKV-Tarife sind. Sie setzen in der Regel voraus, dass Versicherte innerhalb eines Kalenderjahres keine Leistungen für Heilbehandlungen in Anspruch nehmen und können bis zu einem Vielfachen von einem Monatsbeitrag betragen. Gleichzeitig sehen zahlreiche Tarife vor, dass Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen hiervon ausgenommen sind und die Beitragsrückerstattung dadurch nicht gefährdet wird. Beitragsrückerstattungen fördern zwar Kostenbewusstsein, können aber dazu führen, dass notwendige Behandlungen aus Angst vor dem Verlust der Rückerstattung aufgeschoben werden; Ausnahmen für Vorsorgeleistungen sollen dieses Risiko reduzieren und Prävention ermöglichen.
Ergänzend zu Beitragsrückerstattungen setzen einige Versicherer auf Verhaltensboni, mit denen gesundheitsbewusstes Verhalten finanziell honoriert wird. Dazu zählen je nach Tarif beispielsweise Nichtraucher-, Sport- oder Bodymaßindex-Boni sowie Prämien für Blutspenden oder Impfungen. Solche Modelle sollen positive Anreize setzen und die Bereitschaft erhöhen, gesundheitsfördernde Verhaltensweisen im Alltag beizubehalten.
Über diese beitragsbezogenen Regelungen hinaus spielt auch medizinische Vorsorge (Früherkennung) in der PKV eine zentrale Rolle. Viele Tarife erstatten Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen in einem Umfang, der über die gesetzlichen Mindestprogramme hinausgeht. Charakteristisch ist dabei eine größere Flexibilität, etwa durch kürzere Untersuchungsintervalle oder den Verzicht auf starre Altersgrenzen. Ziel ist es, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und dadurch sowohl gesundheitliche Belastungen als auch langfristige Kosten zu reduzieren.
Ergänzend dazu gewinnen klassische Präventionsmaßnahmen an Bedeutung, auch wenn sie bislang kein flächendeckender Bestandteil der PKV sind. Eine Auswertung im Rahmen des ASCORE Analyse Produktscorings 2025, in dem ausgewählte Vollversicherungstarife anhand definierter Leistungskriterien verglichen werden, zeigt: Knapp über 35 Prozent der untersuchten Tarife sehen Leistungen für Präventionsmaßnahmen vor. Häufig werden dabei Präventionskurse anerkannt, die nach § 20 SGB V von der Zentralen Prüfstelle Prävention (ZPP) zertifiziert sind, etwa Angebote zur Bewegungsförderung, Stressbewältigung oder Stärkung der Gesundheitskompetenz. Daneben bieten einzelne Versicherer auch eigene Programme (z. B. zu Bewegung, Ernährung oder Stressprävention) an. Dabei handelt es sich häufig um digitale Angebote in Kooperation mit externen Partnern, die nicht als vertraglich garantierte Tarifleistung ausgestaltet sind.
Insgesamt zeigt sich damit ein differenziertes Bild: Prävention ist in der PKV kein tragendes Finanzierungsprinzip, wohl aber ein ergänzender Bestandteil, der sich aus beitragsrechtlichen Anreizen, medizinischer Vorsorge und ausgewählten präventiven Zusatzangeboten zusammensetzt. Gleichzeitig zeigen diese Mechanismen auch die Grenzen der PKV-Prävention: Sekundärprävention (Diagnostik, Vorsorge und Früherkennung) ist vergleichsweise gut verankert, während primärpräventive Ansätze meist nur punktuell (z. B. Kursbudgets, Verhaltensboni) auftreten. Eine systematische, flächendeckende Gesundheitsförderung in Lebenswelten ist deutlich weniger ausgeprägt, da es in der PKV keine entsprechende gesetzliche Verpflichtung gibt. Das Präventionsgesetz von 2015 begründet für die PKV keine Leistungsansprüche, wirkt aber über gemeinsame Präventionsstrukturen und Qualitätsstandards indirekt auf freiwillige Angebote, die weiterhin stark vom jeweiligen Versicherungsvertrag abhängen.
PRÄVENTION ZWISCHEN ANSPRUCH UND REALITÄT
Auch wenn Prävention und Gesundheitsförderung breit angelegt sind, zeigt sich in der Praxis, dass Wissen, Motivation und alltagspraktische Umsetzbarkeit oft auseinanderfallen. Zwar halten laut einer repräsentativen Studie im Auftrag des forschenden biopharmazeutischen Unternehmens MSD 95 Prozent der Befragten präventive Gesundheitsvorsorge für wichtig. Zugleich geben jedoch nur 46 Prozent an, sich proaktiv um die eigene Gesundheitsvorsorge zu kümmern. Gemeint sind dabei vor allem Vorsorgetermine wie Krebs-Screenings, Routine-Check-ups, zahnärztliche Kontrollen sowie Schutzimpfungen.
Altersbezogene Auswertungen des RKI zeigen systemübergreifend, dass sich die Inanspruchnahme präventiver Leistungen mit zunehmendem Lebensalter verändert: Während jüngere Erwachsene Vorsorgeuntersuchungen insgesamt seltener wahrnehmen, steigt die Nutzung ärztlicher Vorsorge- und Früherkennungsangebote in höheren Altersgruppen deutlich an. Gleichzeitig nimmt mit dem Alter auch die Inanspruchnahme kurativer medizinischer Leistungen zu. Prävention gewinnt damit zwar an Relevanz, tritt im Versorgungsalltag jedoch häufig hinter akuten Behandlungsbedarfen zurück.
FAZIT
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die PKV im Bereich der Prävention ein ambivalentes Bild zeigt. Einerseits bieten moderne Tarife zunehmend differenzierte und teilweise innovative Präventionsleistungen, darunter Check-ups, Kursangebote und finanzielle Anreizsysteme. Andererseits fehlt eine systematische und flächendeckende Integration von Prävention, wie sie in der GKV gesetzlich verankert ist. Die Gegenüberstellung von Präventionsmaßnahmen und Heilbehandlungen macht deutlich, dass die kurative Versorgung weiterhin dominiert – sowohl finanziell als auch im Verhalten der Versicherten. Eine stärkere Integration von Prävention in die PKV-Tarifstruktur sowie gezielte Anreize können dazu beitragen, das bestehende Ungleichgewicht langfristig zu reduzieren und die Nachhaltigkeit des Gesundheitssystems zu verbessern.
Abteilungsleitung Kranken
ASCORE Analyse
































