Allgemein

Zuverlässigkeit und Resilienz prägen Energiesektor 2026

Eine kommentierende Analyse von Tal Lomnitzer, Portfolio Manager, Janus Henderson Investors

Die überdurchschnittliche Performance von Aktien im Bereich erneuerbare Energien im Jahr 2025 spiegelte echte Verschiebungen bei den politischen Prioritäten und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wider, die sich auch 2026 weiter fortsetzen. Aktuelle und seit Langem bestehende geopolitische Spannungen verstärken eine Realität, mit der viele Länder nun unmittelbar konfrontiert sind: Energiesicherheit ist entscheidend.

Europaweit wurde die im Jahr 2022 als Reaktion auf die durch den Krieg in der Ukraine ausgelöste Energiekrise ins Leben gerufene REPowerEU-Initiative im Umfang von 300 Milliarden Euro (353 Milliarden US-Dollar) durch zusätzliche Maßnahmen gestärkt. Diese sollen die Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen als Reaktion auf den Konflikt im Nahen Osten verringern. Deutschland hat im März[1] zusätzliche 12 Gigawatt (GW) an Onshore-Windkraft-Auktionen zugesagt, während Frankreich im April[2] Ausschreibungen für 10 GW Offshore-Windkraft gestartet hat, die ausdrücklich mit der europäischen Produktion verbunden sind. Unterdessen hat Großbritannien seine Auktion der Allocation Round 8 auf Juli[3] vorverlegt – das Programm ist das wichtigste Instrument der Regierung zur Förderung der CO2-armen Stromerzeugung.

China setzt unterdessen seine massiven Investitionen in saubere Energien fort und bekräftigt damit seine Absicht, die Erneuerbare-Energien-Kapazität bis 2035 ausgehend von einem bereits hohen Niveau zu verdoppeln. Die USA hingegen behalten trotz eher zurückhaltender öffentlicher Zielvorgaben ein Förderkonzept für bestimmte Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien bei, wie beispielsweise Solarenergie und Batteriespeicher.

Höhere Gaspreise und geopolitische Unsicherheiten haben den Ländern gemeinsam vor Augen geführt, welche Vorteile eine zuverlässige Stromversorgung aus erneuerbaren Energien bietet, beispielsweise durch Solarenergie in Kombination mit Batteriespeichern. In Märkten, in denen gesicherter Strom aus erneuerbaren Energien mittlerweile höhere Preise erzielt als unvermindertes Erdgas, zeichnet sich eine „Prämie für grüne Versorgungssicherheit“ ab.

Da die Kosten durch technologische Fortschritte und Produktionssteigerungen weiter sinken, verbessert sich die Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energien. Dies führt zu einem positiven Kreislauf, der im Falle von Batteriespeichern ein massives Kapazitätswachstum bewirkt und so schwankende erneuerbare Energien in regelbaren, zuverlässigen Strom umwandelt.

Beachtenswerte Risiken

Dieser Wandel ist nicht ohne Risiken. Trotz dieses strukturell positiven Hintergrunds sind nach wie vor einige Risiken zu berücksichtigen. Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien reagieren aufgrund ihrer im Vergleich zu fossilen Brennstoffen höheren Anfangsinvestitionskosten weiterhin empfindlich auf Zinsänderungen. Dadurch sind die Stromgestehungskosten (LCOE) anfälliger für teurere Finanzierungen. Auch die Inflation bei den Inputkosten, insbesondere für Stahl, Kupfer, Lithium und andere kritische Rohstoffe, kann die Wirtschaftlichkeit von Projekten untergraben, sofern sie nicht sorgfältig gesteuert wird.

Diese Faktoren erfordern Selektivität. Nicht alle Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien, nicht alle Projektentwickler und nicht alle Märkte sind gleichermaßen attraktiv – Kapitaldisziplin bleibt daher unerlässlich. Unserer Erfahrung nach laufen Investoren Gefahr, enttäuscht zu werden, wenn sie sich ausschließlich auf das Kapazitätswachstum konzentrieren, anstatt auch Bilanzen, Verträge und Kostenstrukturen zu berücksichtigen.

Basistechnologien können langfristig die stabilsten Erträge bieten

Aus Sicht der Asset-Allokation sehen wir die vielversprechendsten Chancen dort, wo sich die Energiewende mit der Elektrifizierung und dem durch künstliche Intelligenz (KI) getriebenen Nachfragewachstum überschneidet. Batteriespeicher, Netzinfrastruktur und Solarkraftwerke im Großmaßstab zeichnen sich als Bereiche mit nachhaltigem strukturellem Wachstum und sichtbaren Katalysatoren aus.

Das Energiesystem der Zukunft wird stärker elektrifiziert, dezentraler und deutlich komplexer sein als das heutige. Unternehmen, die diesen Wandel vorantreiben – sei es durch Speichertechnologien, Netzwerke oder Basistechnologien –, sind unserer Ansicht nach am besten aufgestellt, um nachhaltige langfristige Erträge zu erzielen.

„Traditionelle“ Energie überdenken

Die Perspektiven für Öl und Gas sind zunehmend regional geprägt. In den USA behält Erdgas angesichts reichlicher heimischer Vorkommen und wettbewerbsfähiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen seinen hohen strategischen Wert. Außerhalb der USA schwächt sich jedoch die strukturelle Investitionsattraktivität traditioneller Kohlenwasserstoffe ab.

Die weiterhin bestehende Preisempfindlichkeit der EU bei Energieimporten unterstreicht diesen Punkt: Die EU importierte 2025 Energieprodukte im Wert von 337 Milliarden Euro[4]. EU-Mitgliedstaaten mit einem geringeren Bedarf an fossilen Brennstoffen zur Stromerzeugung, wie Frankreich und Spanien, haben die jüngsten Preisschocks insgesamt besser verkraftet als diejenigen, bei denen dies nicht der Fall war – beispielsweise Italien.

Eine ähnliche Dynamik ist in Teilen Asiens zu beobachten, wo der rasche Einsatz von Solarenergie in Ländern wie Pakistan dazu beigetragen hat, die Wirtschaft vor Ölpreisschwankungen zu schützen, während Bangladesch und andere importabhängige Länder die Preisspitzen besonders stark zu spüren bekamen. Diese Beispiele bestärken uns in unserer Überzeugung, dass einheimische Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien für energieimportierende Regionen strategisch attraktiv sind.

Erdgas behält seinen strategischen Wert in den USA und als Reservekapazität weltweit. Bei Erdöl wird bis 2030 ein Nachfragewachstum[5] von etwa einer Million Barrel pro Tag (bpd) pro Jahr erwartet. Aber Kapitaldisziplin, geopolitische Unsicherheiten sowie Risiken bei Projekten mit langen Laufzeiten machen Selektivität besonders außerhalb Nordamerikas unerlässlich.

Kernkraft, Metalle und die Infrastruktur hinter der Elektrifizierung

Über erneuerbare Energien und Kohlenwasserstoffe hinaus sehen wir erhebliche Chancen in den Bereichen Kernenergie und kritische Metalle. Kernenergie gewinnt als Lösung sowohl für den Klimaschutz als auch für die Energiesicherheit wieder an Bedeutung und wichtige Volkswirtschaften treiben ihre Reaktorprogramme voran. Japan strebt bis 2030 einen Kernenergieanteil von 22 % an (gegenüber 8 % heute)[6], China zielt auf 110 GW bis 2030 ab[7] (gegenüber etwa 62 GWe Ende 2025), und die USA haben Pläne zum Bau von zehn neuen Reaktoren bis 2030 angekündigt.[8]

Während für die Uran-Nachfrage ein Anstieg prognostiziert wird, dürfte das Angebot aus dem Bergbau zurückgehen. Das daraus resultierende Defizit lässt darauf schließen, dass die Uranpreise auf absehbare Zeit hoch bleiben werden. Da Hyperscaler zudem bereit sind, für Kernenergie Aufschläge von 60 bis 100 % auf die Marktpreise zu zahlen, deutet dies auf günstige Rahmenbedingungen für die Produzenten hin.

Kritische Metalle spielen in diesem Zusammenhang eine ebenso zentrale Rolle. Chinas Dominanz in der Verarbeitung hat geopolitische Abhängigkeiten geschaffen, die nun Handels- und Investitionsströme neu gestalten. Kupfer, Lithium, Seltene Erden, Graphit und andere Materialien werden nicht schnell genug bereitgestellt, um die Elektrifizierungsfristen einzuhalten. Unserer Ansicht nach ist eine Phase „länger anhaltend höherer“ Preise erforderlich, um die Investitionen freizusetzen, die zur Schließung dieser Lücke notwendig sind. Davon profitieren nicht nur die Produzenten kritischer Metalle, sondern auch die Hersteller der Bergbau- und Bohrgeräte, die für deren Gewinnung benötigt werden. Ein mehrjähriger Zyklus steht bevor.

Teils bullish, teils vorsichtig

Wir sehen die Teilsektoren, die mit Strominfrastruktur, Wettbewerbsfähigkeit und Energieversorgungssicherheit zusammenhängen, weiterhin äußerst positiv. Batteriespeicher stechen in vielen Szenarien hervor, gestützt durch die Anforderungen an die Netzstabilität, die Wirtschaftlichkeit der Stromsicherung durch erneuerbare Energien und die steigende Stromnachfrage. Investitionen in Übertragungs- und Verteilungsnetze sind ebenfalls entscheidend, um Engpässe im Netz zu beseitigen und sowohl die Integration erneuerbarer Energien als auch den Ausbau von Rechenzentren zu ermöglichen.

Im Gegensatz dazu sind wir gegenüber Teilsektoren wie den US-amerikanischen Upstream-Ölproduzenten pessimistisch eingestellt. Die Entwicklung der Reservekapazitäten der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und die eklatante Unterinvestition in die Raffinerieindustrie sprechen für integrierte Ölproduzenten. Allerdings belasten die Abhängigkeit von Energieimporten und das Risiko Stranded Assets wohl die langfristigen Upstream-Ölprojekte außerhalb der USA. Darüber hinaus ist das Risiko-Ertrags-Verhältnis für Teile des Offshore-Windsektors weniger überzeugend. Dort sind das Ausführungsrisiko und der Margendruck weiterhin hoch – was externe Unterstützung erfordert, damit sich die Projekte wirtschaftlich rechnen.

Investitionsmöglichkeit auf Systemebene

Wir glauben, dass es bei Energieinvestitionen im Jahr 2026 weniger darum gehen wird, sich zwischen erneuerbaren Energien und konventionellen Energieträgern zu entscheiden, sondern vielmehr um das Verständnis, wie sich ein komplexes System weiterentwickelt. Zuverlässigkeit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit werden zu den entscheidenden Investitionskriterien.

Die Unternehmen, die die Elektrifizierung vorantreiben – seien es Metallproduzenten, Projektentwickler oder Ausrüstungslieferanten – und dies in großem Maßstab, sicher und profitabel tun können, werden die sich wandelnden Energiemärkte in den kommenden Jahren wahrscheinlich prägen und von ihnen profitieren.

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