Im Zusammenhang mit dem von den USA ausgelösten Zollkrieg diversifizieren deren Handelspartner ihre Allianzen, um sich vor amerikanischen Bedrohungen zu schützen. Infolgedessen wurden gerade zwei historische Handelsabkommen von der Europäischen Union (EU) unterzeichnet: eines mit Mercosur, das andere mit Indien. Mit ihrer Umsetzung dürfte jedes Abkommen über einen Zeitraum von 5 bis 10 Jahren ein jährliches Wachstum von rund +0,1 % generieren[1], was potenziell erhebliche Auswirkungen auf die Anlageklasse Aktien für bestimmte Akteure und Sektoren haben könnte.
Mercosur auf einen Blick
Das am 17. Januar unterzeichnete Handelsabkommen mit Mercosur (EU & Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Bolivien folgen später) wird bis zur Ratifizierung vorläufig angewendet. Der Vertrag sieht die Aufhebung der derzeit zwischen 15 % und 35 % liegenden Zölle auf 90 % der Produkte über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren vor[2]. Für einige Produkte werden die Zölle sofort abgeschafft, für andere werden die Senkungen schrittweise über verschiedene Zeiträume (4, 7, 8, 10 oder 12 Jahre) erfolgen. Für den Agrarsektor wurden erhebliche Beschränkungen eingeführt, um eine Destabilisierung des europäischen Marktes zu vermeiden.
Das Mercosur-Abkommen umfasst eine Gesamtbevölkerung von 718 Millionen Menschen und zwei geografische Blöcke, die 20 % des globalen BIP ausmachen [3]. Die Europäische Kommission schätzt, dass das Abkommen die von europäischen Exporteuren gezahlten Zölle um rund 4 Milliarden Euro senken wird. Die EU-Exporte in die Mercosur-Länder dürften in diesem Zeitraum um 39 % steigen. Insgesamt dürfte das Abkommen ein jährliches Wachstum von +0,1 % für die EU und +0,3 % für Mercosur generieren[4].
Spanien und Portugal dürften am meisten profitieren: 4 % bzw. 7 % ihres Handels entfallen auf Mercosur, verglichen mit 2 % für Deutschland und 1 % für Frankreich. Deutschland dürfte vor allem im Automobilsektor profitieren. Für Frankreich dürfte das Abkommen positive Auswirkungen auf den Wein- und Spirituosenmarkt haben. Auf lateinamerikanischer Seite dürfte Brasilien dank steigender Exporte von Kaffee, Zucker und Öl der größte Gewinner sein[5].
„Mutter aller Deals“
Nach 20 Jahren Verhandlungen nimmt die „Mutter aller Deals“ zwischen der EU und Indien Gestalt an. Zusammen machen die beiden Regionen 25 % des globalen BIP aus. Das Abkommen zielt darauf ab, Zölle auf 92 % bis 97 % der Waren und Dienstleistungen grundsätzlich über einen Zeitraum von fünf Jahren abzuschaffen[6]. Die unmittelbaren Gewinne aus den Zollsenkungen werden auf 4 Mrd. EUR geschätzt. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen dürften ähnlich wie beim Mercosur-Abkommen ausfallen, d. h. ein Wachstum von etwa +0,1 % für die EU.
Beispielsweise sieht der Vertrag vor, die Automobilzölle (mit Ausnahme von Elektrofahrzeugen) für bestimmte Modelle von 110 % auf bis zu 10 % zu senken – bis zu einem Kontingent von 250.000 Fahrzeugen. Über dieses Kontingent hinaus steigen die Zölle von 10 % auf 35 %. Für Weine und Spirituosen sinken die Zölle von 150 % auf 75 % und dann auf 20 %. Die Zölle auf Chemikalien, Arzneimittel und Werkzeugmaschinen sinken auf 0 %[7]. Beide Seiten planen außerdem erhebliche Zollsenkungen für Agrarprodukte. Wie beim Mercosur-Abkommen gelten Schutzklauseln für Fleisch, Reis und Zucker.
Für Indien ist die EU bereits der größte Handelspartner mit Exporten im Wert von 76 Milliarden US-Dollar und Importen im Wert von 61 Milliarden US-Dollar, was fast 12 % der indischen Exporte entspricht[8]. Laut dem Internationalen Handelszentrum (ITC) könnten sich diese Handelsströme innerhalb von fünf Jahren verdoppeln und damit die wirtschaftliche Integration zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken stärken. Über die erwarteten Gewinne im Warenbereich (insbesondere Textilien, Elektronik und Pharmazeutika) hinaus liegt das größte Potenzial im Dienstleistungssektor. Trotz der jüngsten Entscheidung der Trump-Regierung, die Zölle auf indische Exporte von 50 % auf 18 % zu senken, entwickelt sich die EU zu einem strategischen Absatzmarkt. Dies gilt insbesondere, da die Arten von Waren und Dienstleistungen, die in beide Märkte exportiert werden, ähnlich sind. Das Wachstumspotenzial Indiens ist daher beträchtlich.
Für die EU eröffnet der Vertrag den Zugang zu einem weitgehend unerschlossenen Markt: Derzeit entfallen nur 0,8 % der EU-Exporte auf Indien [9]. Zu den Ländern, die dank des Exports von Autos, Industriemaschinen und Verteidigungsgütern am besten davon profitieren können, gehören Frankreich, Belgien, Deutschland, Finnland und Italien[10]. Deutschland sticht als größter potenzieller Gewinner hervor und ist bereits Indiens führender europäischer Partner in Bereichen wie Luftfahrt, wissenschaftliche Instrumente, Automobilindustrie und Pharmazeutika.
































